Norbert Neuss, Claus Koch (Hrsg.): Teletubbies & Co - Schadet das Fernsehen unseren Kindern? Beltz Verlag, 2001

 

Betreten verboten?

Petra Best         7.3.01

«Mami, darf ich heute Abend Teletubbies gucken?» Kaum hat der dreijährige Béla am Morgen seine Augen aufgeschlagen, schon kommt ihm diese Frage über die Lippen. Tinky-Winky, Laa-Laa, Dipsy und Po haben es Béla angetan und auf keinen Fall will er es verpassen, wenn seine Lieblinge auf Sendung gehen.

Die Teletubbies - seit ihrem Erscheinen auf dem Bildschirm sorgen sie für Wirbel. Und während die Kleinen sich vor dem Apparat vergnügen und nicht müde werden, dem Treiben im Land der aufgehenden Babysonne beizuwohnen, zerbrechen sich Eltern und pädagogisch Tätige den Kopf über dieses Angebot für Kinder. Dass die knallbunten Vier bereits die Windelträger vor den Fernseher locken sollen, erregt noch immer die Gemüter, ganz zu schweigen von der kitschig-heilen Welt ohne (vernünftige) Worte. Und so fragen Norbert Neuss und Claus Koch - die Herausgeber von Teletubbies & Co - in ihrem Vorwort: «Muss man sich vor den vier Plüschpummeln, ihrer Sprache, der Babysonne, dem Windrad, dem Staubsauger Noo-Noo oder der Sprechtröte wirklich fürchten? Müssen wir für unsere Kinder wirklich ein Schild im Teletubby-Land anbringen mit der Aufschrift: Betreten verboten?» Von solch einem Verbotsschild kann bei ihnen nicht die Rede sein. Vielmehr sind Eltern und andere interessierte Menschen eingeladen, sich in die Fernseh-Erlebniswelt der Kinder zu begeben. Medienpädagogen, Psychologen, Medien- und Sprachforscher und Journalisten führen durchs - für Erwachsene schwer überschaubare - Gebiet. Nicht nur als Expertinnen und Experten in Sachen Kind und Fernsehen kommen sie zu Wort, auch als Eltern kleiner Tubby-Fans. Bélas Mutter, die Medienpädagogin Carola Michaelis ist eine von ihnen. Ihre einleitende Schilderung aus dem Alltag mit ihrem Jüngsten wird geplagten Müttern und Vätern aus dem Herzen sprechen. Doch macht sie ihnen gleichzeitig Mut, einmal selbst Geschmacksfragen und Vorbehalte hintan zu stellen und die Welt der vier Windelmatze mit den Augen der Kinder zu betrachten.

Die Dauerfrage auf Elternabenden, ob Kinder durch die Teletubbies das Sprechen (ver)lernen, weiss die Sprachforscherin Gisela Szagun zu beantworten. Anschaulich erklärt sie, wie sich Kinder allein durch den ständigen Austausch mit Erwachsenen die Sprache nach und nach aneignen, erst einzelne Wörter, dann Zwei-Wort-Sätze und schliesslich grammatikalisch vollständige Sätze von sich geben. Imposante Zahlen führt sie dazu ins Feld: So lernen die Kleinen bis zu 40 neue Wörter pro Woche und richten Erwachsene im Verlauf eines Monats ca. 250.000 Äusserungen direkt an sie. Fazit: gegen die Sprache, die Kinder fast den ganzen Tag lang um sich herum hören und die sie selbst zunehmend sicherer beherrschen, kann der Minutenauftritt von Tinky Winky und den Seinen nebst spärlichem Vokabular nicht konkurrieren. Für Eltern und andere Erziehende beruhigend zu wissen, können sie doch sicher sein, bei den Jüngsten auf offene Ohren zu stossen. Aber lernen Kinder mit den Teletubbies überhaupt etwas? Stefan Aufenanger nimmt all den Optimisten den Wind aus den Segeln, die ihre Kinder (in bester Absicht) vor dem Fernseher parken. Neben Erkenntnissen, wie jüngere Kinder Fernsehen verstehen und inwieweit Inhalt und Machart der Sendung ihrer Auffassungsgabe entgegenkommen, erfährt man von ihm: Gelernt wird nur mit Hilfe der Eltern, das haben schon die Erfahrungen in den 70er Jahren mit der Sesamstrasse gezeigt. Will man also, dass die Kleinen kognitiv von den Teletubbies profitieren, ist elterliches Wissen des Geschehens Voraussetzung. Ansonsten kann man mit den Kindern über das Gesehene nicht sprechen, ihnen keine Erklärungen geben und keine Antworten auf ihre Fragen.

Claudia Höller und Sabine Müller versuchen zwischen Klein und Gross zu vermitteln. Sie haben über einen längeren Zeitraum elf Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren beim Schauen der Teletubbies beobachtet und gelangen zu einer plausiblen und nachvollziehbaren Erklärung, was den Reiz der Sendung für Vorschul- und noch jüngere Kinder ausmacht: Ebenso wie Erwachsene wollen sich Kinder - auch schon die Kleinen - beim Fernsehen gut unterhalten. Die Teletubbies kommen ihren Bedürfnissen entgegen, vor allem denen der zwei- bis vierjährigen. Kinder dieser Altersgruppe erleben hier «lustvolle und anregende Unterhaltung», d.h. sie singen und tanzen mit den Figuren, ahmen ihre Bewegungen nach, kommen aus dem Freuen und Staunen nicht mehr heraus, kommentieren und reden mit. Für die Fünf- bis Sechsjährigen hingegen sinkt der Unterhaltungswert der Sendung, da die Figuren nicht das erleben, was ältere Kinder spannend finden. Sie nutzen die Teletubbies eher zur Entspannung - doch auch darauf haben Kinder ein Recht. Resümee der Studie: Wenn Kinder die Teletubbies nicht sehen, verpassen sie nichts Entscheidendes. Sehen sie jedoch die Sendung, schadet es ihnen nicht. Sie fühlen sich einfach (nur) prima unterhalten. Bleibt die Frage, ob denn schon kleinste Kinder tatsächlich fernsehen müssen. Sie begreifen schliesslich die Welt um sich herum noch im wahrsten Sinne des Wortes, und es fällt ihnen noch schwer, die künstliche Welt des Fernsehens von der wirklichen zu unterscheiden. Eine Antwort darauf sucht man jedoch vergeblich. Diese Entscheidung bleibt den Eltern vorbehalten. Claus Koch stellt zwar mit einigen interessanten, aber auch recht scharf formulierten, Überlegungen den Mythos der ersten drei «sonnigen» Lebensjahre in Frage, doch übergeht er die Tatsache, dass mit Angeboten wie den Teletubbies die Kinder nicht nur sehr früh an das Fernsehen gebunden, sondern gleichzeitig als kauf- bzw. wunschkräftige Kunden auf dem Merchandisingmarkt umworben werden. Aus (medien)-pädagogischer Sicht ist das nicht gerade wünschenswert. Fernsehen und Merchandising bergen zudem einiges an Quengelpotential, das die elterlichen Nerven samt Geldbeutel erheblich strapazieren kann. Das Festhalten der Eltern an den ersten drei «sonnigen» Jahren wird da nur allzu verständlich. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz bringt in ihren Schlussfolgerungen auf den Punkt, was statt dessen Sache für viele ist: «Die Teletubbies haben der Produktionsfirma viel Geld eingebracht und Familien und Kindergärten in aller Welt vor das gleiche Problem gestellt: Sie müssen einen Weg finden, das Thema Teletubbies zu deuten, einzuordnen und zu bewältigen».

Anregungen dazu kann das Buch bieten. Gewiss, mit - aus wissenschaftlicher Sicht - überraschend neuen Erkenntnissen wartet es nicht gerade auf. Das ist aber auch nicht nötig. Denn sein Anliegen ist, zwischen Kindern und Erwachsenen zu vermitteln, und das ist insgesamt gelungen. Deutlich wird, dass auch schon die Jüngeren aktiv mit dem Fernsehen umgehen können und sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen dazu nutzen, um das Fernsehen zu verstehen. Und sie nutzen die Fernsehangebote wiederum, um ihre Neugierde auf die Welt um sich herum zu erweitern. Die Fähigkeiten, aber auch die Grenzen der Kinder im Erleben von Fernsehinhalten zu kennen und ihre Wünsche zu verstehen, ist die beste Basis für eine Erziehung, die sie angemessen begleiten und eigene Schritte gehen lassen kann. Allerlei praktische Tipps für den täglichen Umgang mit dem Fernsehkonsum der Kinder und ihren (auch käuflich zu erwerbenden) Lieblingen geben brauchbare Hilfestellungen. Wissenswertes und Interessantes zur Entstehungsgeschichte der Teletubbies, ihrer weltweiten Vermarktung und zu ihrer Präsenz im Internet runden das Buch ab.

Und Béla? Eine schon lebenskluge 9-Jährige hat ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Teletubbies nur etwas was «für Babys» seien. Das gab dem Knirps zu denken. Nun zählen die Pokémons zu seinen Favoriten - eine neue Herausforderung für die Mutter.

 

Letzte Änderung: 29.6.2001
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