Hirschle, Thomas; Kaden, Michael; Kerber-Ganse, Waltraut; Wolf, Lothar, Hrsg.
Medien und Kommunikation: Erfahrungen in der gymnasialen Oberstufe. München: kopaed, 2003. 224 S. ISBN 3-935686-72-2

Medienkompetenz am Gymnasium entwickeln
Claudia Börner und Thomas Köhler 13.12.2004
Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer zunehmend komplexen Medien- und Kommunikationsgesellschaft auf. Sie müssen sich aus dem unüberschaubaren medialen Angebot bedienen, bedürfen frühzeitig einer hohen Medienkompetenz. Schule reagiert auf diese Entwicklung noch immer zu wenig, zu oft werden noch immer Gründe dafür gesucht, ob Medienerziehung in der Schule stattfinden soll, und nicht warum sie bisher noch keine Integration gefunden hat. Einen völlig neuen Ansatz verfolgt das brandenburgische Modellprojekt «Profilbildung 'Medien und Kommunikation' in der gymnasialen Oberstufe» (MuK). Thomas Hirschle, Michael Kaden, Waltraut Kerber-Ganse und Lothar Wolf dokumentieren in ihrem Buch, wie neue Medien fachübergreifend integriert werden können. Mit Unterstützung des Medienpädagogischen Zentrums Land Brandenburg (MPZ) begann die unterrichtliche Umsetzung des Projektes im Schuljahr 1998/1999 an der Voltaire-Gesamtschule Potsdam (Pilotschule). Dabei wurden Lerninhalte aus verschiedenen Fächern unter medienkommunikativen Aspekten gekoppelt und mit einem medienpraktischen und -theoretischen Schwerpunkt im Grundrundkurs «Medien und Kommunikation» curricular verbunden. Das Projekt ist Teil des BLK-Programms «Systematische Einbeziehung von Medien, Informations- und Kommunikationstechnologien in Lehr- und Lernprozesse (SEMIK)» und fand ein Jahr zeitversetzt an fünf weiteren Netzwerkschulen Brandenburgs erfolgreiche Anwendung.
Die Gliederung des 15 Beiträge umfassenden Sammelbandes in vier zentrale Abschnitte bietet dem Leser zunächst einen guten Überblick über die thematisierten Gegenstandsbereiche. Auf eine detaillierte Beschreibung aller Aufsätze wird allerdings an dieser Stelle verzichtet, stattdessen sollen im Folgenden diese vier Teilbereiche kommentiert werden.
Der erste Themenschwerpunkt «das Modellprojekt Profilbildung 'Medien und Kommunikation' in der gymnasialen Oberstufe, 1998-2003» widmet sich zunächst einer generellen Beschreibung des theoretischen Hintergrundes und dem Verlauf des Projektes. Einen inhaltlichen Überblick über die thematische und mediale Fokussierung des schulinternen Curriculums geben die Fachlehrer Sven Kantak und Jens Knitel. Dabei wird sehr gut deutlich, welche grundlegende Bedeutung die Entwicklung eines Curriculums in dem Prozess der Profilbildung einer Schule spielt. Auch aus Sicht der Schulleitung (Ortrud Meyerhöfer) wird das Projekt reflektiert. Da es den Herausgebern gelungen ist, Autoren aus verschiedensten Disziplinen für die Veröffentlichung zu gewinnen, wird dem Leser eine kritische Betrachtung aus ganz verschiedenen Blickwinkeln ermöglicht. Leider kommt es damit auch häufig zu thematischen Wiederholungen - hier hätte eine sorgfältigere Redaktion eine bessere Bezugnahme der Beiträge aufeinander gewährleisten sollen.
Im zweiten Abschnitt folgt eine fokussierte Betrachtung der «Dimensionen der Unterrichtsgestaltung», hierbei werden vorranging schulpraktische Aspekte thematisiert. So beschreibt Thomas Hirschle anhand von Schülerkommentaren und Projektbeschreibungen, inwiefern produktive Medienarbeit neue Lernformen inspirieren kann. In drei weiteren Beiträgen des o.g. Themenfeldes berichten wiederum Fachlehrer über interdisziplinäres bzw. fächerübergreifendes Unterrichten, selbst gesteuertes Lernen sowie über die Leistungsbewertung anhand konkreter Unterrichtsbeispiele aus dem Projekt. Aufgrund dieser Bezugnahme fühlt sich der Leser stets «nah am Geschehen» und erhält darüber hinaus einen guten Einblick in die komplexe Unterrichtsstruktur des Grundkurses «Medien und Kommunikation».
Das dritte Themenfeld «Schüler/innen und Lehrer/innen als Akteure» widmet sich ausgiebig den Hauptakteuren des Projektes. Aus Sicht der Lehrer und Schüler berichtet Burkhard Ost (der im Band als «Vater» des Konzeptes bezeichnet wird) exemplarisch über das «Lernen durch Lehren» als eine der erfolgreich praktizierten Unterrichtsmethoden im Modellprojekt. Im Folgenden werden konkrete Hinweise über das Co-Teaching als eine mögliche Form der gemeinsamen Unterrichtsgestaltung gegeben. Mit einer empirischen Auswertung der Schülerperspektive rundet Waltraud Kerber-Ganse das Kapitel ab.
Eine theoretische Vertiefung finden die bisher gewonnenen Erfahrungen und Überlegungen der Autoren im Abschlusskapitel «Neue Lernkultur». Hier bietet sich dem Leser eine ausgesprochen gelungene Schlussbetrachtung des Projektes aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive. So wird neben Antworten auf Fragen hinsichtlich Besonderheiten und Potential des Projektes die Lerntheorie des MuK-Projektes diskutiert. Dass diese nicht von vornherein angelegt war, ist typisch für den Einsatz von Neuen Medien in der Bildung - verwiesen sei an dieser Stelle z.B. auf Baumgartner (2002). Wiederum Waltraud Kerber-Ganse liefert den abschliessenden Aufsatz zur lerntheoretischen Fundierung in durchaus retrospektiver Weise. Dabei wird die These vertreten, dass die dem Projekt zugrunde liegende Lernkultur den konstruktivistischen Lernbegriff überschreitet und Lernen entsprechend der Holzkampschen Lerntheorie vom Standpunkt des Subjektes aus stattfand.
Mit dem vorliegenden Sammelband Medien und Kommunikation werden die zahlreichen Erfahrungen von Medienpädagogen, Erziehungswissenschaftlern sowie Unterrichtspraktikern aus dem fünfjährigen Modellprojekt MuK zusammengefasst und in überzeugender Weise reflektiert. Hinsichtlich weitergehender Innovationsmöglichkeiten für Schule und Unterricht muss leider festgestellt werden, dass es sich bisher nur um ein Modellprojekt des Landes Brandenburg handelt (gefördert alleinig durch das Brandenburger Ministerium für Bildung, Jugend und Sport) mit dem Ziel einer nachhaltigen Integration neuer und traditioneller Medien im Unterricht der gymnasialen Oberstufe. Nachdem dies offenbar gut gelungen ist, geht es jetzt um die Frage, welche Ergebnisse sich einerseits hinsichtlich einer alltäglichen Nutzung ergeben und wie sich andererseits der Ansatz einer fächerübergreifenden Integration in andere Schulen, Schulformen und insbesondere Bundesländer transferieren lässt.
Insgesamt handelt es sich hier um eine informative und gut lesbare Darstellung des Projektes, die aufgrund der interdisziplinären Zusammensetzung der Autoren eine interessante Betrachtungsweise ermöglicht. Durch die Vielzahl von Beispiel gebenden Erfahrungen und wissenschaftlichen Reflexionen der Ergebnisse wird ein ausgewogenes Verhältnis von Theorie und Praxis hergestellt. Demzufolge handelt es sich um eine Publikation, die ein sehr breites Publikum anspricht. Allerdings sollte der Leser keinen Forschungsbericht mit einer Auswertung des quantitativen Zahlenmaterials erwarten, da augenfällig die (subjektiv) gewonnenen Erfahrungen aus dem MuK-Projekt im Vordergrund stehen. Unabhängig davon ist zu hoffen, dass der hier vorgelegte Sammelband zur regen Verbreitung beiträgt und folgende Publikationen auch Befunde zur Nutzung liefern. Die beispielhaften Ergebnisse ermutigen die Integration der Medien im schulischen Kontext, da der umfassende Lerngegenstand «Informations- und Mediengesellschaft» transparent wird und die erfolgreiche Umsetzung der Medienkompetenzförderung durch die Veröffentlichung des Bandes anderen Schulen zugänglich gemacht wurde. In den Worten der Schulleitung Ortrud Meyerhöfer: «MuK ist irreversibel, MuK ist wie ein Virus, er ist ansteckend, er breitet sich aus und hoffentlich ist keiner immun dagegen!» (S. 59).
| Letzte Änderung: 13.12.2004 Web-Master: Daniel Ammann © www.medienpaed.com |