
Norbert Neuss (Hrsg.), Phantasiegefährten: Warum Kinder unsichtbare Freunde erfinden. Weinheim u. Basel: Beltz, 2001. 154 Seiten.
Mein unsichtbarer Freund: Ein Buch über das faszinierende Phänomen kindlicher Phantasiebegleiter
Tilmann P. Gangloff 19.4.02
Zunächst reagieren Eltern noch skeptisch. «Einen unsichtbaren Freund? Nein, so was hatten meine Kinder nicht». Den Film Mein Freund Harvey aber, in dem James Stewart von einem mannsgrossen unsichtbaren Hasen begleitet wird, kennen viele; und nahezu alle räumen auch ein, dass ihr Nachwuchs ausgiebige Gespräche mit seinen Kuscheltieren führt. Tatsächlich aber hat fast jedes dritte Kind zumindest eine Weile lang einen Fantasiebegleiter, ein Wesen, das im Extremfall einen eigenen Platz im Auto und einen eigenen Teller (mit Essen natürlich) am Tisch bekommt.
Die meisten Eltern reagieren in solchen Fällen zunächst schockiert und fürchten, ihr Kind leide an Schizophrenie. Doch das Phänomen, versichern Pädagogen und Psychologen, sei nicht bloss harmlos, sondern auch vorübergehender Natur. Es sei sogar ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Selbstfindung und Identitätsbildung. Oft tauchen die unsichtbaren Freunde auf, wenn der Kinderalltag durch konkrete, möglicherweise einschneidende Veränderungen betroffen ist: Die Familie zieht um, die Eltern lassen sich scheiden, eine wichtige Bezugsperson stirbt. Der Fantasiegefährte wird dann gewissermassen zum Fluchthelfer beim Rückzug ins eigene Ich - eine ganz einfache Strategie des Kindes, Ängste zu bewältigen.
Der Medienpädagoge Norbert Neuss (PH Heidelberg) hat nicht nur für betroffene Eltern ein Buch herausgegeben, das sich mit den Ursachen des Phänomens befasst und Tipps für den täglichen Umgang gibt. Viele der Beispiele werden Eltern bekannt vorkommen; dankbar werden vor allem jene die jeweils angefügten Erklärungen lesen, die dem neuen Familienmitglied bislang eher hilflos gegenüberstanden (ignorieren oder miteinbeziehen?). In erster Linie aber dürften betroffene Eltern auf die Lektüre mit Erleichterung reagieren: weil sie lernen, dass Kinder die Realität nunmal auf vielfältige Art verarbeiten. Die einen malen, die anderen spielen mit Puppen oder Kuscheltieren, und einige entwickeln eben eine so genannte symbolische Aktivität und erfinden sich - meist nur für wenige Monate - einen Freund. Oftmals haben diese Freunde Vorbilder aus Kino oder Fernsehen. Auch das ist völlig in Ordnung: Populäre Medien, so Neuss, könnten helfen, eigene Erfahrungen zu verarbeiten; Kinder suchten sich im medialen Angebot die Themen, die sich gerade beschäftigten.
Die Beiträge der weiteren Autorinnen und Autoren, überwiegend Pädagogen und Psychologen, legen ebenfalls Gelassenheit nahe. Der bekannte Familienberater Jan-Uwe Rogge (Kinder können Fernsehen), der die Kinder für ihre grandiosen Fantasieleistungen bewundert, schildert diverse Beispiele aus seinem Beratungsalltag. Kinder, belehrt Rogge die Eltern, «brauchen Magie und Mythen». Wenn man bereit sei, sich darauf einzulassen, liessen sich auch eventuelle Konflikte problemlos lösen. Das Gegenteil, mahnt abschliessend Neuss, sei jedoch der Fall, wenn Eltern die unsichtbaren Freunde nicht akzeptierten, denn dann könne es zum Vertrauensbruch kommen.
Abgerundet wird das Buch, das im übrigen auch für Familien ohne Fantasiefreunde eine faszinierende und überaus lehrreiche Lektüre darstellt, durch einen Überblick über fantastische Gefährten in Kinderbüchern. Spätestens bei der Erinnerung an den Pumuckl von Ellis Kaut oder Astrid Lindgrens Karlsson vom Dach werden Eltern zugeben müssen, dass ihnen das Phänomen keineswegs unbekannt ist. Und letztlich ist auch Gott nichts anderes als ein unsichtbarer Freund.
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Letzte Änderung: 19.4.2002 |