Mixed Methods im Spannungsfeld. Weiterentwicklung digitaler Forschungsmethoden zwischen KI, NLP, Big Data und transdisziplinärer Forschung

Herausgegeben von Jana Heinz1, Andrea Hense2 und Christian Janßen1

1 Hochschule München
2 Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen

Bitte reichen Sie Ihr Abstract bis zum 15. Juni 2025 unter https://www.medienpaed.com/about/submissions ein. Dort finden sie auch Hinweise zur formalen Gestaltung.
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Thema

Mixed Methods – also die Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren – sind inzwischen eine etablierte Forschungsstrategie, um die Komplexität sozialer Phänomene aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erfassen (Baur, Kelle, und Kuckartz 2017; Creswell und Plano Clark 2023; Knappertsbusch u. a. 2023; Proudfoot 2023). Diese integrative Herangehensweise unterstützt nicht nur die Analyse vielschichtiger sozialer Prozesse, sondern fördert auch die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Praxis und gesellschaftlichen Akteuren – eine Kooperation, die essenziell für die Relevanz und Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse ist (Polk 2015).

Gleichzeitig stellen uns die Entwicklungen computerbasierter Methoden zur Erhebung und Analyse digitaler Verhaltensdaten (Computational Social Science: CSS) und wachsende Transfererwartungen vor zentrale Herausforderungen, die sowohl methodologische Chancen als auch spezifische Probleme mit sich bringen:

  • Digitale Transformation und KI-gestützte Verfahren:
    Der Einsatz moderner Technologien – etwa KI-gestützter Analyseverfahren, Machine-Learning-Algorithmen, Natural Language Processing, interaktiver Forschungsplattformen und hybrider Datenintegrationsmodelle – ermöglicht die systematische Verarbeitung grosser und heterogener Datensätze (Mao u. a. 2023). Diese digitalen Ansätze eröffnen neue methodische Möglichkeiten, erfordern jedoch zugleich einen kritischen Umgang mit Fragen der Datenqualität, des Datenschutzes, der Verallgemeinerbarkeit und der Reproduzierbarkeit.
  • Transdisziplinäre, transferorientierte Forschung (Third Mission):
    Third Mission wird als Auftrag an Universitäten verstanden, Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft zu betreiben. Angesichts steigender Erwartungen an den Wissenstransfer und der gesellschaftlichen Verantwortung von Forschungseinrichtungen gewinnen transdisziplinäre Ansätze an Bedeutung. Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind gefordert, neben Forschung und Lehre auch gesellschaftlich relevante Fragestellungen in transdisziplinären Settings zu bearbeiten. In diese Fragen einbezogen sind Prinzipien des Open Science und Open Research Data, insbesondere Fragen nach dem praktischen Umgang mit For­schungsdaten während und nach der jeweiligen Datenerhebung.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Mixed Methods Forschung gefordert, sich weiterzuentwickeln und diese neuen Trends aufzugreifen (boyd und Crawford 2012; Lawrence u. a. 2022).

Digitale Methodenintegration und KI-gestützte Analyseverfahren

Der Einsatz moderner Machine-Learning-Algorithmen und Deep-Learning-Modelle revolutioniert die automatisierte Verarbeitung grosser, unstrukturierter Datensätze (Tong u. a. 2022; Ziewitz 2016). Verfahren wie Natural Language Processing (NLP) und bildanalytische Ansätze ermöglichen die systematische Klassifikation, Themenmodellierung und z. B. Sentiment-Analyse von Text- und Bildmaterialien (Salganik 2019; Sripathi u. a. 2024). Ergänzend bieten cloud-basierte Forschungsplattformen interaktive Dashboards und dynamische Visualisierungstools (z. B. Plotly, Gephi), die eine transparente Zusammenführung quantitativer und qualitativer Ergebnisse erlauben (Elish und boyd 2018), aber auch eigene Logiken der Analyse mit sich bringen. Hybride Datenintegrationsmodelle fördern darüber hinaus die systematische Verknüpfung von Big-Data-Analysen mit klassischen Verfahren der empirischen Sozialforschung und ermöglichen, makrosoziale Strukturen und mikrodynamische Prozesse in einem integrierten Analyseansatz abzubilden (Deterding und Waters 2021; Kuckartz und Rädiker 2023).

Rolle der Third Mission für die methodenintegrative Forschung

Die Anforderungen an gesellschaftlich relevantes Wissen nehmen stetig zu, was vermehrt durch transdisziplinäre Forschungsansätze adressiert wird. Forschungseinrichtungen und Hochschulen stehen zunehmend unter dem Druck, neben Forschung und Lehre auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen (Compagnucci und Spigarelli 2020; Garcia und Tuesta 2025; Zomer und Benneworth 2011). Diese Erwartungen an gesellschaftliche Relevanz, Wissenstransfer und Transdisziplinarität erfordern methodische Anpassungen von Mixed Methods Ansätzen (Ivankova 2015). So entstehen neue Herausforderungen, etwa bei der Integration praxisorientierter und partizipativer Forschungsansätze oder der Berücksichtigung von Anwendungs- und Transferwissen in Forschungsdesigns (Davis u. a. 2023). Darin eingeschlossen sind Fragen nach Open Science und der Verfügbarmachung von Forschungsdaten im Sinne des Open Research Data. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern klassische Mixed Methods Designs erweitert oder modifiziert werden müssen, um den wachsenden Erwartungen an evidenzbasierte und anwendungsorientierte Forschung gerecht zu werden. Damit einher gehen auch epistemologische und methodologische Reflexionen über die Grenzen und Möglichkeiten von Mixed Methods in transdisziplinären Kontexten (Guan u. a. 2025; Palinkas, Mendon, und Hamilton 2019).

Zentrale Fragestellungen

Dieser Call for Papers richtet sich an Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen aus den Bereichen empirische Sozialforschung, Methodologie, Computational Social Science und transdisziplinäre Forschung. Ziel ist es, die Weiterentwicklung von Mixed Methods im Kontext digitaler Innovationen und transdisziplinärer Ansätze kritisch zu beleuchten. Die Beiträge sollten u. a. folgende Fragen adressieren:

  • Wie beeinflusst der Einsatz digitaler Technologien (z. B. KI-gestützte Analyseverfahren, interaktive Plattformen) die Methodologie und Anwendung von Mixed Methods?
  • Welche methodischen Ansätze eignen sich zur systematischen Integration heterogener Datenquellen in transdisziplinären Forschungssettings?
  • Inwiefern tragen neue digitale Verfahren zur Validierung, Transparenz und Reproduzierbarkeit von Mixed Methods Studien bei?
  • Wie können hybride Datenintegrationsmodelle als Brücke zwischen klassischen und digitalen Ansätzen fungieren, um gesellschaftliche Transformationsprozesse besser zu analysieren?
  • usw.

Wir laden alle Interessierten ein, ein Abstract einzureichen und zur Diskussion über die methodische Weiterentwicklung von Mixed Methods im digitalen Zeitalter beizutragen.

Einreichung und Ablauf

Dieser Call lädt zu Beiträgen in einem zweistufigen Begutachtungsverfahren ein:

  • Abstracts möglicher Beiträge im Umfang bis max. 200 Wörtern (exkl. Literaturangaben) mit Angabe von fünf bis sechs Keywords. Die Abstracts durchlaufen ein editorial-peer-review-Verfahren. Einreichung bis zum 15. Juni 2025 via: .
  • Die Herausgebenden benachrichtigen über die Annahme des Abstracts bis spätestens zum 31. Juli 2025. Aus der Annahme der Abstracts geht keine zwingende Annahme der Publikation hervor.
  • Die Volltexte angenommener Abstracts sind bis zum 22. Dezember 2025 einzureichen.
  • Im Anschluss werden die Volltexte im zweifachen open peer-review-Verfahren unter Einbezug der Autor:innen bis ca. 15. Februar 2026 begutachtet und anschliessend überarbeitet.

Die Veröffentlichung des Themenheftes ist für Frühjahr/Sommer 2026 geplant.

Anforderungen an Volltexte
  • Bei den eingereichten Artikeln in Deutsch muss es sich um Originalbeiträge beziehungsweise Erstveröffentlichungen handeln.
  • Wissenschaftliche Beiträge (Volltexte) sollten ungefähr 40.000 Zeichen (mit Leerzeichen, ohne Abstract und Literaturverzeichnis) umfassen.
  • Ein Abstract von 150-200 Wörtern fasst die zentralen Aussagen und Ergebnisse kurz zusammen.
  • Sowohl Titel wie Abstract müssen in deutscher und englischer Sprache vorliegen und zusammen mit dem Artikel eingereicht werden.
  • Es gelten die Richtlinien für Autor:innen:
    https://www.medienpaed.com/about/submissions#authorGuidelines.
  • Die eingereichten Beiträge werden im open peer-review-Verfahren begutachtet.
  • Im Rahmen der wissenschaftlichen Transparenz ermutigen wir alle Forschenden, ihre Forschungsdaten (z. B. Software, Datensätze, verwendete Fragebögen) mit der Einreichung zur Verfügung zu stellen.

Einreichung der Abstracts und Volltexte via: https://www.medienpaed.com/about/submissions.

Herausgebende
  • Prof. Dr. Jana Heinz, Hochschule München, Fakultät für Angewandte Sozialforschung, Professur Methoden der empirischen Sozialforschung
  • Dr. Andrea Hense, Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), Standort Göttingen
  • Prof. Dr. Christian Janßen, Hochschule München, Fakultät für Angewandte Sozialforschung, Professur für Prävention und Gesundheitsförderung
Literatur

Baur, Nina, Udo Kelle, und Udo Kuckartz. 2017. «Mixed Methods – Stand der Debatte und aktuelle Problemlagen». KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 69 (Supplement 2): 1–37. https://doi.org/10.1007/s11577-017-0450-5.

boyd, danah, und Kate Crawford. 2012. «Critical Questions for Big Data: Provocations for a Cultural, Technological, and Scholarly Phenomenon». Information, Communication & Society 15 (5): 662–79. https://doi.org/10.1080/1369118X.2012.678878.

Compagnucci, Lorenzo, und Francesca Spigarelli. 2020. «The Third Mission of the University: A Systematic Literature Review on Potentials and Constraints». Technological Forecasting and Social Change 161 (Dezember):120284. https://doi.org/10.1016/j.techfore.2020.120284.

Creswell, John W., und Vicki L. Plano Clark. 2023. «Revisiting Mixed Methods Research Designs Twenty Years Later». In The Sage Handbook of Mixed Methods Research Design, herausgegeben von Cheryl Poth, 21–36. London: Sage. https://doi.org/10.4135/9781529682663.n6.

Davis, Alicia, Nicolas Kretschmann, Nadja Planötscher, und Christian Janssen. 2023. «Healthy, inclusive, and sustainable metropolises: New strategies for transdisciplinary dialogues in Munich, Germany». Journal of Current Health Sciences 3 (2): 39–56. https://doi.org/10.47679/jchs.202347.

Deterding, Nicole M., und Mary C. Waters. 2021. «Flexible Coding of In-Depth Interviews: A Twenty-First-Century Approach». Sociological Methods & Research 50 (2): 708–39. https://doi.org/10.1177/0049124118799377.

Elish, M. C., und danah boyd. 2018. «Situating Methods in the Magic of Big Data and AI». Communication Monographs 85 (1): 57–80. https://doi.org/10.1080/03637751.2017.1375130.

Garcia, Alix Johana Gaffaro, und Yenny Naranjo Tuesta. 2025. «The Third Mission of Universities Towards Knowledge Transfer, Innovation, Entrepreneurship, and Sustainable Development: A Systematic Literature Review». Revista de Administração de Empresas 65 (3): e2024-0218. https://doi.org/10.1590/s0034-759020250301x.

Guan, Alice, Tessa Cruz, Jamaica Sowell, Brenda Mattias, Aekta Shah, Analena Hope Hassberg, Salma Shariff-Marco, Antwi Akom, und Mindy C. DeRouen. 2025. «Combining Mixed Methods and Community-Based Participatory Research Approaches to Identify Neighborhood-Level Needs During the COVID-19 Pandemic». Journal of Mixed Methods Research 19 (1): 103–17. https://doi.org/10.1177/15586898231222037.

Ivankova, Nataliya V. 2015. Mixed Methods Applications in Action Research: From Methods to Community Action. Thousand Oaks: SAGE. https://doi.org/10.4135/9781071909843.

Knappertsbusch, Felix, Margrit Schreier, Nicole Burzan, und Nigel Fielding. 2023. «Innovative Applications and Future Directions in Mixed Methods and Multimethod Social Research». Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 24 (1). https://doi.org/10.17169/FQS-24.1.4013.

Kuckartz, Udo, und Stefan Rädiker. 2023. «Using Software for Innovative Integration in Mixed Methods Research: Joint Displays, Insights and Inferences with MAXQDA». In The Sage Handbook of Mixed Methods Research Design, herausgegeben von Cheryl Poth, 315–27. London: SAGE. https://doi.org/10.4135/9781529682663.n32.

Lawrence, Mark G., Stephen Williams, Patrizia Nanz, und Ortwin Renn. 2022. «Characteristics, Potentials, and Challenges of Transdisciplinary Research». One Earth 5 (1): 44–61. https://doi.org/10.1016/j.oneear.2021.12.010.

Mao, Yaoli, Janet Rafner, Yi Wang, und Jacob Sherson. 2023. «A Hybrid Intelligence Approach to Training Generative Design Assistants: Partnership Between Human Experts and AI Enhanced Co-Creative Tools». In HHAI 2023: Augmenting Human Intellect, herausgegeben von Paul Lukowicz, Sven Mayer, Janin Koch, John Shawe-Taylor, und Ilaria Tiddi, 368:108–23. Frontiers in Artificial Intelligence and Applications. IOS Press. https://doi.org/10.3233/FAIA230078.

Palinkas, Lawrence A., Sapna J. Mendon, und Alison B. Hamilton. 2019. «Innovations in Mixed Methods Evaluations». Annual Review of Public Health 40 (1): 423–42. https://doi.org/10.1146/annurev-publhealth-040218-044215.

Polk, Merritt. 2015. «Transdisciplinary Co-Production: Designing and Testing a Transdisciplinary Research Framework for Societal Problem Solving». Futures 65 (Januar):110–22. https://doi.org/10.1016/j.futures.2014.11.001.

Proudfoot, Kevin. 2023. «Inductive/Deductive Hybrid Thematic Analysis in Mixed Methods Research». Journal of Mixed Methods Research 17 (3): 308–26. https://doi.org/10.1177/15586898221126816.

Salganik, Matthew J. 2019. Bit by Bit: Social Research in the Digital Age. First paperback printing. Princeton Oxford: Princeton University Press.

Sripathi, Kamali N., Rosa A. Moscarella, Matthew Steele, Rachel Yoho, Hyesun You, Luanna B. Prevost, Mark Urban-Lurain, John Merrill, und Kevin C. Haudek. 2024. «Machine Learning Mixed Methods Text Analysis: An Illustration From Automated Scoring Models of Student Writing in Biology Education». Journal of Mixed Methods Research 18 (1): 48–70. https://doi.org/10.1177/15586898231153946.

Tong, Xin, Yixuan Li, Jiayi Li, Rongqi Bei, und Luyao Zhang. 2022. «What Are People Talking about in #BackLivesMatter and #StopAsianHate?: Exploring and Categorizing Twitter Topics Emerged in Online Social Movements through the Latent Dirichlet Allocation Model». In Proceedings of the 2022 AAAI/ACM Conference on AI, Ethics, and Society, 723–38. Oxford United Kingdom: ACM. https://doi.org/10.1145/3514094.3534202.

Ziewitz, Malte. 2016. «Governing Algorithms: Myth, Mess, and Methods». Science, Technology, & Human Values 41 (1): 3–16. https://doi.org/10.1177/0162243915608948.

Zomer, Arend, und Paul Benneworth. 2011. «The Rise of the University’s Third Mission». In Reform of Higher Education in Europe, herausgegeben von J. Enders, H. F. De Boer, und D. F. Westerheijden, 81–101. Rotterdam: SensePublishers. https://doi.org/10.1007/978-94-6091-555-0_6.