(Notwendige) Kompetenzen in digital vernetzten Welten für Teilhabe und souveränes Handeln

Schlagworte

Künstliche Intelligenz
Algorithmische Empfehlungssysteme
Digitale Medienkompetenz
Rezension
Digitale Medien
Medien und Kommunikationswissenschaft

Zitationsvorschlag

Knop, Karin. 2024. „(Notwendige) Kompetenzen in Digital Vernetzten Welten für Teilhabe Und souveränes Handeln“. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Nr. Reviews - Rezensionen (Oktober). https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2024.10.22.X.

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Abstract

Rezension zu

Cousseran, Laura, Achim Lauber, Simon Herrmann, und Nils Brüggen. 2023. Kompass: Künstliche Intelligenz und Kompetenz 2023. Einstellungen, Handeln und Kompetenzentwicklung im Kontext von KI. Herausgegeben vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed. 16,80 €. https://doi.org/10.5281/zenodo.10058587.

und

Schober, Maximilian, Katja Berg, und Nils Brüggen. 2023. KI als «Wunscherfüller»? Kompetenzen von Kindern im Umgang mit algorithmischen Empfehlungssystemen. Qualitative Studie im Rahmen von «Digitales Deutschland». Herausgegeben vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed. 14,80 €. https://doi.org/10.5281/zenodo.10171263.

https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2024.10.22.X

Einleitung

Das Thema Künstliche Intelligenz – kurz KI – ist spätestens seit der vielbeachteten Veröffentlichung von ChatGPT in aller Munde. Die vielfältigen Möglichkeiten, die der Einsatz dieser Schlüsseltechnologie bietet, werden jedoch schon viel länger diskutiert und problematisiert, stellen diese doch eine weitere Veränderung der medialen und insbesondere digitalen Medienumgebungen der Menschen dar. Entsprechend beschäftigen sich auch viele wissenschaftliche Disziplinen mit diesem Sujet, da es von hoher gesellschaftlicher Relevanz ist. In der deutschsprachigen Bevölkerung bestehen (weiterhin) Unterschiede, was die Nutzung digitaler Medien im Allgemeinen und KI im Besonderen betrifft. So gibt es nach wie vor bedeutsame Unterschiede innerhalb der Gesellschaft, was die Nutzung aber insbesondere auch die kompetente Nutzung digitaler Medien anbelangt. Diese Unterschiede können gerade im Hinblick auf die Teilhabe an einer zunehmend vom digitalen Wandel geprägten Gesellschaft zu Benachteiligung und zu ungerechten Partizipationsoptionen führen.

Um einen fundierten Überblick zu den Zugangsmöglichkeiten und Kompetenzen der Menschen zu erhalten, werden daher evidenzbasierte Daten benötigt, um entsprechende Massnahmen umzusetzen, die es allen Bürger:innen ermöglicht, Zugang zu digitalen Medien zu erhalten und Kompetenzen im Umgang mit den digitalen und KI-basierten Angeboten zu entwickeln und kontinuierlich – dem hochdynamischen Entwicklungsbereich angepasst – zu erweitern.

Und genau hier setzt das Verbundprojekt Digitales Deutschland. Monitoring zur Digitalkompetenz der Bevölkerung an. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend seit 2018 finanzierte Projekt umfasst verschiedene Forschungsmodule, die in der Gesamtschau Fragen danach beantworten sollen, welche Kompetenzanforderungen im Zuge der Digitalisierung an verschiedene Bevölkerungsgruppen gestellt werden. Welche Voraussetzungen gegeben sein sollten, um allen Teilen der Bevölkerung passende Angebote zur Weiterentwicklung ihrer digital- und medienbezogenen Kompetenzen zu bieten und die Fragen danach beantworten sollen, welche Einstellungen Wissensbestände zu digitalen Angeboten und Möglichkeiten – insbesondere Künstliche Intelligenz – in der Bevölkerung bereits vorhanden sind. In unterschiedlichen Teilstudien werden demnach die Kompetenzen und Förderbedarfe der Bevölkerung in Hinblick auf den digitalen Wandel und eine souveräne Lebensführung untersucht. Der Grundstein des Forschungsvorhabens wurde ab 2021 mit einer wiederkehrenden Repräsentativbefragung deutscher Bürger:innen ab zwölf Jahren zu Wissen, Umgang und Vorstellungen über Künstliche Intelligenz gelegt. Um die spezifischen Erfahrungsräume und daraus resultierende Förderbedarfe von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Menschen im höheren Lebensalter sensibel zu erfassen, wurden im Projektverlauf für verschiedene Zielgruppen eigenständige alters- und themenspezifische qualitative Studienvorhaben umgesetzt.

Im Rahmen dieser Rezension werden zwei dieser Studien, die aus diesem Verbundprojekt heraus entstanden sind, vorgestellt und kritisch eingeordnet. Zunächst soll die Repräsentativbefragung aus dem Jahr 2023 vorgestellt und ausgewählte Ergebnisse berichtet werden. Im Anschluss wird dann die qualitative Studie zur Umgangsweise von Kindern mit algorithmischen Empfehlungssystemen vorgestellt und eingeordnet.

Kompass: Künstliche Intelligenz und Kompetenz 2023. Einstellungen, Handeln und Kompetenzentwicklung im Kontext von KI

In der empirischen Studie soll der Status Quo zu Kompetenzen im Umgang mit Digitalen Medien und Künstlicher Intelligenz innerhalb der bundesdeutschen Bevölkerung erfasst werden. Die Forscher*innen liefern damit – auch in einer langzeitlichen Perspektive mit Bezug auf die erste Befragungswelle 2021 – fundierte und repräsentative Daten, um die Entwicklungen bevölkerungsrepräsentativ nachzuzeichnen und mit entsprechenden Massnahmen reagieren zu können. Doch diese Publikation bietet darüber hinaus noch mehr. Alleine die vertiefte und systematisch aufgearbeitete Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff macht diese Publikation lesenswert. Dem Autor:innenteam gelingt eine klare Positionierung innerhalb des ausdifferenzierten und heterogenen Definitionsangebotes. Denn sowohl zu KI als auch zur Digitalkompetenz gibt es eine Vielzahl von Begriffsdefinitionen. Medienkompetenz, Datenkompetenz und spezielle KI-bezogene Kompetenzen werden hier für die Studie von den Wissenschaftler:innen verwendet und jeweils spezifiziert und definiert. Den Forschenden scheint ein Rückbezug zum etablierten Medienkompetenzbegriff sinnvoll, den sie wiederum nach Dimensionen ausdifferenzieren und konkretisieren, um die Kompetenzen hierdurch auch operationalisierbar und für die Studie messbar zu machen. Medienkompetenz wird hierbei verstanden als die Befähigung zur souveränen Lebensführung in einer mediatisierten Gesellschaft, um am sozialen, kulturellen und politischen Leben partizipieren und es aktiv mitgestalten zu können (Schorb und Wagner 2013). Die Verwendung der Doppelbezeichnung Digital- und Medienkompetenz macht deutlich dass die Autor:innen sich an den zentralen Erfahrungsbereichen von Menschen orientieren, innerhalb derer sie mit Entwicklungen des digitalen Wandels in Berührung kommen.

Medienkompetenz umfasst nach Schorb (2017) drei Dimensionen: Wissen, Handeln und Reflexion. Und so differenzieren folgerichtig die Wissenschaftler:innen – wie auch bereits 2021 im Rahmenkonzept von Digitales Deutschland dargestellt – neben den instrumentell-qualifikatorischen Fertigkeiten auch die Dimension des medienbezogenen Wissens um Strukturen und Funktionen, die Dimension des Bewertens nach ethisch-sozialen und ästhetischen Massstäben, die Orientierungsfähigkeit als Fähigkeit, mediale Phänomene und das eigene Medienhandeln einzuordnen, sowie die Dimension des kreativen Handelns und die affektive Dimension.

Gerade angesichts der Überschneidungen der Kompetenzbegriffe wurde im Projekt Digitales Deutschland der Weg gewählt, die Dimensionen in den Vordergrund zu stellen, in welchen die jeweils angeführten Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie Wissensbestände gebündelt werden können. Um die skizzierte Bandbreite von Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien und KI-Technologie abzudecken, wurden in den bisherigen telefonischen Repräsentativbefragungen von Menschen ab 12 Jahren in den Erhebungswellen 2021 und 2023 folgende Kompetenzdimensionen unterschieden, präzise beschrieben und erhoben. Die instrumentell-qualifikatorische, die kognitive, die affektive Dimension sowie die kreative und die kritisch-reflexive Dimension. Diese Dimensionen haben wechselseitige Bezüge untereinander, bauen aufeinander auf und haben teils Überscheidungen. Sie dienen aber dazu, die in den verschiedenen Kompetenzbegriffen formulierten Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissensbestände übergreifend zu betrachten.

Diese mehrdimensionale Konzeption von Kompetenzen stellt für Forscher:innen unter anderem in den Feldern der Medienpädagogik, Medien- und Kommunikationswissenschaft und Informatik eine wertvolle Ausgangslage für die weiterführende Auseinandersetzung mit den Medienkompetenzbereichen, der Erfassung derselben und empirischen Forschung unter Verwendung dieser Klassifizierung und Operationalisierung dar.

Die Studienergebnisse machen deutlich, dass ein Grossteil der bundesdeutschen Bevölkerung bereits kompetent in einer von Digitalisierung geprägten und transformierten Gesellschaft agiert und sich bewegt, dass gleichzeitig jedoch noch einige Hürden überwunden werden müssen und die Menschen in allen Altersklassen weiterhin und verstärkt beim hierfür notwendigen Kompetenzerwerb unterstützt werden sollten.

Einzelne Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass sich Teile der Bevölkerung dem digitalen Wandel in wichtigen Fragen noch nicht gewachsen sehen. So klaffen beispielsweise die Relevanzeinschätzungen und die Einschätzung der eigenen Kompetenzen bei der Einschätzung zur Glaubwürdigkeit von Quellen im Netz auseinander. Der Grossteil der Bevölkerung sieht sowohl Chancen als auch Risiken in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, während das Wissen über KI noch erweitert werden sollte. Solche ambivalenten Einstellungen haben auch Einfluss darauf, wie Menschen mit neuen Technologien umgehen. Bei der Konzeption von Informations- und Bildungsangeboten zu KI müssen daher – so die Forderung der Autor:innen – entsprechend solche Ambivalenzen aufgegriffen und berücksichtigt werden. Zielführend erscheint auch, Erfahrungen der Menschen mit KI aufzugreifen und konkrete Erfahrungen in Bildungsangeboten handlungsorientiert zu ermöglichen.

Weitere, ausgewählte Befunde beziehen sich auf Ungleichheitsphänomene innerhalb der Gesellschaft. So wird auch hier wieder empirisch nachgewiesen, inwiefern unterschiedliche Lebens- und Bildungskontexte ungleiche Chancen zur Aneignung von KI determinieren. Folgerichtig unterstreichen die Wissenschaftler:innen, dass eine entsprechende Gesellschaftspolitik differenzierte Ansatzunkte bieten muss, um Kompetenzerwerb für alle zu ermöglichen. Ein intensivierter Kompetenzerwerb scheint auf Basis der vorliegenden Ergebnisse zwingend notwendig. Denn viele Befragte haben lediglich ein eher vages Verständnis davon, was KI ist und schätzen sich als wenig kompetent ein. Sie assoziieren eher Gegenständliches wie Roboter mit KI. Ein grundlegendes Verständnis zu KI ist jedoch bereits vorhanden, denn die meisten Befragten wissen, dass Menschen beim Programmieren von KI eine bedeutende Rolle spielen und dass KI aus von Menschen gelieferten Daten kontinuierlich lernt.

Die Ergebnisse der Studie zeigen auch, dass die kreativen Kompetenzen zur Generierung von Inhalten eine vergleichsweise geringe Anerkennung erfahren. Dabei liegt doch gerade hierin ein besonders guter Zugang für die medienpädagogische Auseinandersetzung mit Digitalität und KI. Denn innerhalb der medienpädagogischen Praxis im allgemeinen und der Aktiven Medienarbeit im Besonderen können Menschen aller Altersgruppen gerade hier Selbstwirksamkeitserfahrungen machen und Kompetenzen erweitern, wenn sie die Fähigkeit zur Erstellung von Inhalten entwickeln und einüben.

Die hier nur exemplarisch skizzierten Ergebnisse der Studien sind für Forscher:innen, Medienpädagog:innen, Multiplikator:innen und politische Entscheider:innen eine wichtige empirische Basis, die Aufschluss über Kompetenzen, Wissensbestände, Einstellungen zu und Handeln mit Digitalen Medien und insbesondere zu Künstlicher Intelligenz geben. Die Befunde zeigen darüber hinaus Ansatzpunkte und Bedarfe für die medienpädagogische Praxis auf.

KI als «Wunscherfüller»?

In der zweiten, hier vorzustellenden Studie aus dem Verbundprojekt Digitales Deutschland, mit dem Titel KI als «Wunscherfüller»? stand explizit die Teilgruppe der Kinder im Fokus. Die qualitative Studie hat sich zum Ziel gesetzt, die Kompetenzen von Kindern zwischen acht und elf Jahren im Umgang mit algorithmischen Empfehlungssystemen (kurz AES) bei YouTube und TikTok zu erforschen. Hierzu wurden zwölf Kinder und ihre Eltern mittels leitfadengestütztem Interview befragt.

Die von den Forschenden fokussierten Empfehlungssysteme stellen sowohl Kinder als auch ihre Eltern vor komplexe Herausforderungen. Kinder beginnen zu begreifen, wie die Plattformen ihre Vorlieben ermitteln. Gleichzeitig müssen sie herausfinden, welche Strategien im Umgang mit unerwünschten oder gar ungeeigneten vorgeschlagenen Inhalten für sie funktionieren. Eltern als wichtige Instanz bei der Medienkompetenzförderung begleiten ihre Kinder dabei. Die Elternteile müssen sich mit Fragen wie der Begrenzung der Bildschirmzeit ihrer Kinder, Datenschutz oder personalisierter Werbung auseinandersetzen und eine Haltung dazu entwickeln. In diesen Aushandlungsprozessen im System Familie sind auch die elterlichen Vorstellungen von Empfehlungssystemen relevant und die jeweiligen Erwartungen, die sie an diese KI-basierten Systeme haben.

Zur Fundierung der empirischen Studie befasst sich das Forscher:innenteam zunächst mit einer klaren Definition des zu analysierenden digitalen Phänomens. Sie fassen Algorithmische Empfehlungssysteme als Technologien, die Nutzer:innen von Online-Angeboten, wie YouTube und TikTok, eine Auswahl von Inhalten vorschlagen und dabei Verfahren der Datenverarbeitung anwenden. Die Inhalte werden dabei voll automatisch ausgewählt und kuratiert. Ziel der jeweiligen Inhaltsanbieter:innen ist es, ein möglichst gut auf persönliche Interessen abgestimmtes Angebot zu präsentieren. Um Interessengebiete der Nutzer:innen zu beeinflussen und zu erweitern, lassen sich diese Empfehlungssysteme natürlich aber auch so gestalten, dass Abweichungen in die Empfehlungen einfliessen mit dem Ziel, die Erwartbarkeit der Inhalte zu reduzieren. Ausserdem diagnostizieren die Wissenschaftler:innen auch, dass der Einsatz von AES die Nutzungsdauer und das sogenannte User-Engagement – z. B. durch Liken, Kommentieren, Reposten – steigern kann und soll. Kritisch merken die Verfasser:innen an, dass über die konkreten Empfehlungssysteme in den Angeboten kaum etwas bekannt sei. Es scheint – so die Einschätzung der Autor:innen – nicht im Interesse der anbietenden Unternehmen zu sein, die genaue Funktionsweise offen zu legen.

Die Leser:innen erfahren weiter, wie AES funktioniert. Die algorithmischen Empfehlungssysteme basieren auf komplexen algorithmischen Verfahren und greifen dafür auf verschiedene Datenquellen zurück. So verwenden sie für Empfehlungen beispielsweise Charakteristika von Inhalten (z. B. die Ähnlichkeit von Texten) sowie Informationen oder Annahmen über die Nutzer:innen (z. B. Daten aus Nutzer:innen-Profilen wie Geschlecht, Alter, Dauer und Uhrzeit der Nutzung, Interaktionen und Vernetzung mit Inhalten und anderen Nutzer:innen). Kritisch merken die Verfasser:innen an, dass sich in diese Prozesse gesellschaftliche Ungleichbehandlungen einschreiben können und auf diesem Wege Vorurteile und Diskriminierungen durch algorithmusbasierte Empfehlung von Onlineangeboten und -inhalten potenziell reproduziert werden. Auch und gerade im Erkennen und kompetenten Umgang mit diesen Empfehlungssystemen wird die medienpädagogische Relevanz in der Auseinandersetzung mit AES deutlich gemacht.

Der klar medienpädagogisch ausgerichtete Forschungszugang wird in der Studie letztlich durchgängig deutlich, zielt die Fragestellung und die Auswertung und Einordnung der Ergebnisse darauf ab, Evidenzen zu Kompetenzanforderungen und Kompetenzen bezüglich AES zu erarbeiten und Ansatzpunkte zur Förderung von Medien- und Digitalkompetenz von Kindern und Eltern aus medienpädagogischer Perspektive zu benennen. Die derzeitigen Präferenzen der Kinder aufgreifend werden YouTube und TikTok als konkrete Anwendungen ausgewählt. Dennoch geht die Studie über diese beiden Beispiele hinaus, lassen sich doch die Grunderkenntnisse auch perspektivisch auf kommende neue favorisierte Anwendungen von Kindern und Jugendlichen transferieren. Der Logik des handlungsrelevanten Erkenntnisinteresses folgend werden die Ergebnisse so aufbereitet, dass sie für pädagogische Fachkräfte, Eltern und weitere Zielgruppen sowohl punktuell gut nutzbar als auch in ihrer Zusammenschau praktikabel sind. Die Studie ist nämlich so gegliedert, dass – je nach anvisiertem Interessensbereich – Informationen zur Kindperspektive, Elternperspektive oder zu ausgewählten Themenbereichen wie etwa Datensouveränität genutzt werden können.

Zunächst werden in der Publikation die kindlichen Nutzungsweisen von YouTube und TikTok vorgestellt, um dann die elterliche Begleitung der kindlichen Aneignungsweisen zu beleuchten. Anschliessend wird ausgeführt, welche Nutzungsmotive die Kinder haben und wie konkret sich ihre Nutzungsweisen beschreiben lassen. Darauf folgen die Ergebnisse zu Annahmen und Wissen bezogen auf AES. Die Ergebnisdarstellung spannt einen weiten Bogen von der Personalisierung von Inhalten, personalisierte Werbung, dem Umgang mit unerwünschten vorgeschlagenen Inhalten über Fragen zur Veränderung bzw. erforderlichen Begrenzung der Nutzungsdauer und die kritische Beleuchtung der Datensouveränität und Fragestellungen zum Datenschutz im Zusammenhang mit AES.

Für Eltern und Fachkräfte aus der medienpädagogischen Praxis können diese Befunde für die konkrete Ausgestaltung der Medienkompetenzförderung herangezogen und fruchtbar gemacht werden. Zeigen doch die Kinderbefragungsergebnisse deutlich, dass für Kinder und Preteens das Wissen und die Annahmen über AES noch sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Manche Kinder haben bereits eine differenzierte Gegenstandsauffassung und konkrete Vorstellungen von der Komplexität der algorithmusbasierten Empfehlungen. Bei anderen wiederum sind eher ein Herantasten und eine ungenaue Vorstellung zu AES festzustellen. Und bei sehr ungenauen Vorstellungen von AES stellen die Autor:innen eher nur ein vages Erahnen der Funktionsweisen fest. Die Daten zeigen also ein breites Spektrum an, aus dem eindeutig der Bedarf an Unterstützungsangeboten im Umgang mit AES abzuleiten ist.

Insgesamt kann für die Altersgruppe der befragten acht bis 11-Jährigen konstatiert werden, dass Werbung in der Wahrnehmung der Kinder allenfalls als störender Inhalt wahrgenommen, aber wenig kritisch reflektiert wird. Die kritisch-reflexive Dimension von Medienkompetenz ist hier daher als ein wichtiger Förderungsbedarf zu konstatieren. Das Alter der Kinder, die bisherigen Mediennutzungserfahrungen aber insbesondere auch der Austausch mit den Eltern haben einen nicht geringen Einfluss darauf, wie elaboriert und kompetent die Erfahrungen mit AES innerhalb von TikTok und YouTube von Kindern eingeordnet werden können.

Ein besonders relevanter Befund betrifft den Bereich Datenschutz im Kontext der algorithmischen Empfehlungssysteme. Die Studie zeigt auf, was Kinder im Umgang mit algorithmischen Empfehlungssystemen bereits können und wobei sie und ihre Eltern Unterstützung brauchen. Für die befragten Eltern spielt nämlich Datenschutz für das Medienerziehungshandeln kaum eine Rolle, weil sie diesem Phänomen entweder keine grosse Bedeutung beimessen – sowohl für die kindliche als auch die eigene Mediennutzung –, oder weil sie das Problem als derart virulent wahrnehmen, dass sie diesbezüglich kaum eigene Handlungsmacht verspüren. In beiden Ergebnisinterpretationen offenbaren sich unterschiedliche Kompetenzanforderungen und Bedarfe. Eltern benötigen offenkundig dringend Unterstützungsangebote, um das komplexe Thema Datenschutz kindgerecht aufzuarbeiten und zu vermitteln. Hilfreich wären ausserdem Angebote, die Eltern überhaupt erst für Datenschutzthemen in der eigenen Mediennutzung sensibilisieren und Impulse zur Stärkung der subjektiven Souveränität und der Handlungsmacht im Kontext unternehmerischer Datenpraktiken beitragen, damit Eltern und Kinder gemeinsam den kompetenten Umgang mit AES lernen können.

Die befragten Eltern schenken AES partiell übergrosses Vertrauen und sitzen zum Teil einem fatalen Missverständnis auf, dass nämlich die Möglichkeiten zur Personalisierung von empfohlenen Inhalten wie eine Art technischer Kinder- und Jugendmedienschutz funktioniert und die Kinder hierdurch vor der Konfrontation mit ungeeigneten Inhalten geschützt seien. Die Autor:innen räumen ein, dass diese elterliche Erwartung durchaus nachvollziehbar sei, dass es jedoch Grund zur Annahme gibt, dass entsprechendes Vertrauen in AES und wenig reflektiertes elterliches Handeln die Kinder eher verstärkt dem Risiko aussetzt, unerwünschte und kinder- und jugendschutzrelevante und damit ungeeignete Inhalte ausgespielt zu bekommen. Daraus leiten die Verfasser:innen einen weiteren Bedarf für die Medienerziehung ab, nämlich die Befähigung von Eltern und Kindern anzustreben, die eine realistische Vorstellung von der Funktionsweise von AES und dem konkreten Einsatz dieser Instrumente und souveränem Handeln im Kontext von AES zum Ziel hat.

Basierend auf dem Forschungsansatz des Kontextuellen Verstehens der Medienaneignung (Schorb und Theunert 2000) und den tätigkeitstheoretischen Überlegungen zum Verhältnis von Subjekt und Medien angesichts algorithmischer Empfehlungssysteme (Brüggen, Lauber, und Schober 2022), verknüpft auch diese Studie zwei Perspektiven. Zum einen richtet sie ihren Blick auf digitale Medien, deren Angebote mittels KI-gesteuerter algorithmischer Empfehlungssysteme (AES) Inhalte empfehlen. Zum anderen werden die Aneignungsprozesse von Kindern, ihre Wahrnehmung und Bewertung von AES sowie ihre Erfahrungen und die Entwicklung ihrer Medien- und Digitalkompetenz in den Blick genommen, die sie im Zuge der Auseinandersetzung mit diesen Angeboten vollziehen.

Diese Studie ist für alle medienerzieherisch aktiven Akteur:innen – von Eltern über Lehrkräfte, Erzieher:innen, Sozialpädagog:innen und Eltern- und Familienberater:innen – relevant, die Kinder in der untersuchten Altersgruppe und deren Eltern begleiten und an der Medienkompetenzförderung mitwirken sowie für Medien- und Kommunikationswissenschaftler:innen, die zur kindlichen Aneignung digitaler Medienangebote forschen.

Gesamtfazit

Die beiden vorgestellten Studien liefern empirische Befunde zu Einstellungen, Wissen und Handlungskompetenzen im Bereich Medien- und Digitalkompetenz und zu Künstlicher Intelligenz. In den Publikationen werden die Bedarfe aller Altersgruppen bei der Medien- und Digitalkompetenzförderung deutlich. Dass sich Angebote zur Medienkompetenzförderung dem hochdynamischen Wandel der digitalen Landschaft anpassen müssen, um adäquate Unterstützung anbieten zu können, wird ebenfalls eindrucksvoll empirisch belegt. Dass durch bestimmte KI-Angebote und deren intransparente Datensammlungen die selbstbestimmte Nutzung strukturell verhindert wird (Brüggen et al. 2022) wird ebenso überzeugend nachgewiesen und mit entsprechenden Forderungen an die Anbieter verknüpft. Selbstbestimmtes Agieren in digitalen Welten und die Befähigung zur Teilhabe aller Bürger:innen bleibt daher weiterhin Ziel und Forderung zugleich. Allen Forschenden und Akteuren im Feld der Medienpädagogik sind diese Publikationen zu empfehlen. Für spezifische weiterführendes Erkenntnisinteresse sei an dieser Stelle auf die bislang vorliegenden Projekte verwiesen, die sich auf andere Altersgruppen wie Jugendliche und Senior:innen und spezifische Fragestellungen im weiten Feld der Forschung zu Digitalität, Kompetenz und KI beziehen: https://digid.jff.de/eigene-studien/.

Literatur

Brüggen, Niels, Stephan Dreyer, Christa Gebel, Achim Lauber, Georg Materna, Georg, Raphaela Müller, Maximilian Schober, und Sina Stecher. 2022. Gefährdungsatlas. Digitales Aufwachsen. Vom Kind aus denken. Zukunftssicher handeln, hrsg. v. Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz. Bonn.

Brüggen, Niels, Achim Lauber, and Maximilian Schober. 2022. "Das Verhältnis Von Subjekt Und Medien Angesichts Algorithmischer Empfehlungssysteme: Überlegungen Aus tätigkeitstheoretischer Perspektive". merz | medien + erziehung 66 (6): 133-46. https://doi.org/10.21240/merz/2022.6.12.

Cousseran, Laura, Achim Lauber, Simon Herrmann, und Nils Brüggen. 2023. Kompass: Künstliche Intelligenz und Kompetenz 2023. Einstellungen, Handeln und Kompetenzentwicklung im Kontext von KI. Herausgegeben vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed. https://doi.org/10.5281/zenodo.10058587.

Schober, Maximilian, Katja Berg und Nils Brüggen. 2023. KI als «Wunscherfüller»? Kompetenzen von Kindern im Umgang mit algorithmischen Empfehlungssystemen. Qualitative Studie im Rahmen von «Digitales Deutschland». Herausgegeben vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. München: kopaed. https://doi.org/10.5281/zenodo.10171263.

Schorb, Bernd. 2017. "Medienaneignung". In Grundbegriffe Medienpädagogik, hrsg. v. Bernd Schorb, Anja Hartung-Griemberg und Christine Dallmann, 215-221. München: kopaed.

Schorb, Bernd, und Ulrike Wagner 2013. "Medienkompetenz – Befähigung zur souveränen Lebensführung in einer mediatisierten Gesellschaft". In Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche. Eine Bestandsaufnahme, hrsg. v. Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend, 18-23. Berlin.

Schorb, Bernd, und Helga Theunert. 2000. "Kontextuelles Verstehen der Medienaneignung". In Qualitative Kinder- und Jugendmedienforschung. Theorie und Methoden: ein Arbeitsbuch, herausgegeben von Ingrid Paus-Hasebrink, und Bernd Schorb, 33-57. München: kopaed.