Herausgegeben von Caroline Grabensteiner1
und Christoph Richter2 
1 Goethe-Universität Frankfurt a. Main
2 Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Bitte reichen Sie Ihren Volltext bis zum 15. Februar 2027 unter https://www.medienpaed.com/about/submissions ein. Dort finden sie auch Hinweise zur formalen Gestaltung.
ThemaMedienpädagogik formiert sich aktuell rund um Diskursräume, die sich mit der dynamischen Verwobenheit medialer und nicht-medialer, digitaler und nicht-digitaler, virtueller und nicht-virtueller, menschlicher und nicht-menschlicher (etc.) Konfigurationen befassen. Unter dem Schlagwort der ‹Postdigitalität› stellt sich hierbei nicht zuletzt die Frage, wie sich Konzepte von Kompetenz und Bildung unter der Annahme einer unhintergehbaren Verwicklung in die digitalen Technologieverhältnisse theoretisch, methodisch wie auch praktisch begreifen lassen. Damit verknüpft sind komplexe Interferenzen zwischen Verwobenheit, Entgrenzung, Eingebundenheit und Distanzierung, die der Call aufgreift. In der medienpädagogischen Diskussion der letzten Jahre zeichnen sich dabei zwei wesentliche Motive ab, die Anknüpfungspunkte für die Beiträge zum Call liefern.
Das erste Motiv bildet hierbei «Bewegung als Strukturmoment» digitaler Lebenswelten (Hartogh 2024). Sie wird als «becoming» (Flasche und Carnap 2024), und «Fluss» oder «Wandel» (Raudonat und Mayweg 2024) adressiert, wie auch als überschreitendes Motiv eines «beyond» (Bock u. a. 2025). Digitale Medien treten – je nach Definition – als strukturierende, vermittelnde und/oder verwobene Entitäten wie auch als Elemente von Assemblagen in Erscheinung. Es stellen sich Fragen, auf welche vorgängigen Entwicklungen Prozesse der Datafizierung, Algorithmisierung und Quantifizierung verweisen, was sich verändert, wenn soziale Praktiken in algorithmische Prozesse übersetzt werden (Richter und Allert 2024) und welcher unberechenbare Rest (Verständig 2023) vielleicht doch Freiheitspotenziale birgt.
Ein zweites Grundmotiv, das in diesem Call aufgegriffen wird, ist Relationalität. Nicht zuletzt im Themenheft «Homo digitalis» (Pietraß und Zirfas 2024) werden Fragen einer Anthropologie im Kontext der Digitalität aus einer medienpädagogischen Perspektive als Suchbewegung nach einer Neu-Formulierung des relationalen Bildungsproblems (Schenk 2025) im Posthumanismus (Brown und Bettinger 2024) artikuliert. Die Frage der Relationalität taucht hierbei sowohl in Bezug auf das Selbstverständnis des Menschen als Spezies (Schenk 2024; Wendt 2024) wie auch hinsichtlich medial und technisch vermittelter Selbstverhältnisse (Leineweber 2024; Burgfeld-Meise und Dehmel 2024) auf. Es werden aber auch Fragen nach der Art der Relationen und Relationierungen aufgeworfen, beispielsweise «Interface-Beziehungen» (Pesch 2024) oder der grundsätzlichen «Transformation des Mensch-Medien-Verhältnisses» (Jürgens, Lewandowski, und Aßmann 2024). Relationalität ist aber auch eine Form des Zugangs zu medienpädagogischen Phänomenen, sei es zu Lernprozessen angesichts neuer Materialitäten und verteilter Agency (Bettinger u. a. 2020) oder zu Bildungsprozessen angesichts medialer Kontexte (Grabensteiner 2023).
Im weitesten Sinne beschreibt das Konzept «Postdigitalität» die Verwobenheit digitaler und nicht-digitaler Strukturen und Praktiken als gesellschaftliche Gegenwart. Diese relationale Verfasstheit konstituiert auch, wie Welt als soziotechnische Relation wahrgenommen und letztlich kommunikativ und handelnd hervorgebracht wird (Knox 2019). Mit der Annahme/Diagnose postdigitaler Verhältnisse geht zugleich die Frage einher, was es bedeutet in einer solchen, auch in ihrer Tiefe mediatisierten Welt (Couldry und Hepp 2023) zu leben und wie wir, sowohl als Individuen wie auch als Gesellschaft, diese Welt formen und zugleich von ihr geformt werden. Postdigitalität ist nicht als eindeutige Referenz zu denken, sondern vielmehr als vielstimmiges, uneindeutiges, ‹messy› Konstrukt. Postdigitalität ist Gesellschaftsdiagnose und Verfasstheit eines Diskurses. Sie ist aber auch ein Relationierungsangebot, implizite und explizite Strukturen des Sozialen und Materiellen, Digitalen und Medialen zu adressieren. Postdigitalität bedeutet auch, die grossen bildungstechnologischen Versprechen (Engel und Schreiber 2024; Jandrić u. a. 2018) des Computerzeitalters zu hinterfragen.
Mit der Frage nach »Postdigitalen Literacies» stellt der Call der Pluralität digitaler Lebenswelten und der ‹Messiness› alltäglicher Medienpraktiken (Bock und Macgilchrist 2019) eine Pluralität von Begrifflichkeiten entgegen. Ziel ist nicht, angesichts technologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen einen weiteren Definitionsversuch zu starten oder ‹einheimische› Begriffe (vgl. Meder 2007) zu verdrängen, sondern die aufgerufenen Pluralitäten als Anlass zu nehmen, das Spannungsverhältnis von Bildung und Kompetenz in produktiver Weise neu zu denken. Eine Dualität zwischen Bildung und Kompetenz hat in der Medienpädagogik und in der Erziehungswissenschaft eine lange Tradition (Moser, Grell, und Niesyto 2011; Ecarius und Friebertshäuser 2005). Ging es in der Medienpädagogik von Anfang an um die Etablierung disziplinärer Leitbegriffe an der Schnittstelle von Bildung und Kompetenz, wurden in Zeiten der ersten PISA-Studien Zugänge zu einer erziehungswissenschaftlichen Literacy-Forschung entworfen. Fragen der Bildung in der Digitalität wurden zunehmend unter Rückgriff auf das Konzept der ‹Literacy› bzw. der ‹Digital Literacy› verhandelt (Bos u. a. 2014; Zyber 2025).
Wie sich die Begriffe von Kompetenz, Bildung und Literacy zueinander verhalten ist dabei alles andere als eindeutig, sondern in hohem Masse abhängig von den jeweils in Anschlag gebrachten theoretischen Positionierungen. Dies gilt nicht nur für die Begriffe der Kompetenz und Bildung, sondern auch für jenen der Literacy. So hat etwa Claire Bélisle (2006) zwischen funktionalen, soziokulturellen und transformationalen Modellen von Literacy unterschieden. Während funktionale Modelle grundlegende praktische Fertigkeiten fokussieren, verstehen soziokulturelle Modelle Literacy als Momente kulturell, ökonomisch und politisch situierter Praktiken. Transformationale Modelle wiederum betonen den tiefgreifenden Wandel der Rolle und Konstitution von Wissen in einer von digitalen Technologien durchdrungenen Welt. Diese Modelle markieren dabei für Bélisle keine einander ausschliessenden Positionen, sondern verweisen vielmehr auf verschiedene, einander ergänzende Facetten digitaler Literalität(en). In diesem Sinne liessen sich die an den Postdigitalitätsdiskurs anknüpfenden Auseinandersetzungen (Apperley, Jayernanne, Nansen, u. a. 2017; Jandrić 2019; Bhatt 2023; Campbell und Olteanu 2024; Lacković u. a. 2024; Rapanta u. a. 2025; Verständig und Koglin 2025) weniger als Revisionen, denn als Erweiterungen des Konzepts der Literalität verstehen. Neben einer Bestimmung verteilter Handlungsträgerschaften (z. B. Engel und Kerres 2023) und der Formierung von Identitäten in einer digitalisierten Welt (Apperley, Jayernanne, und Nansen 2017) rücken dabei etwa Fragen nach der konstitutiven Verwicklung verschiedenster analoger und digitaler Medien, der Materialität des Digitalen wie auch der Rekonfiguration raum-zeitlicher Gefüge in den Blick (Lacković, Olteanu, und Campbell 2024).
Auch wenn das Konzept der Literacy unter den Bedingungen der Postdigitalität selbst ‹messy› wird und sich einer abschliessenden Festlegung entzieht (Bhatt 2023), so verweist gerade diese Offenheit auf den machtvollen Charakter jedweder Modellierung von Literalität, da in jeder dieser Modellierungen gesellschaftliche Zukünfte entworfen werden, durch die Gegenwart und Zukunft pädagogisch relationiert werden (Klinge und Tost 2024; Macgilchrist u. a. 2023). Die Auseinandersetzung mit der Idee (postdigitaler) Literalität erweist sich in Folge nicht nur als ein Bemühen um konzeptuelle Klarheit, sondern auch als ein politisches Ringen um Fragen von Gerechtigkeit, Gleichheit und Teilhabe (Hobbs 2016). Die hiermit einhergehende Haltung spiegelt sich sowohl in den Versuchen einer inhaltlichen Bestimmung verschiedener kritischer Literacies (Pangrazio 2016; Pangrazio und Selwyn 2023; Sander 2024; Engel und Burchard 2025; Rapanta u. a. 2025), wie auch einer Neubestimmung des Kritikbegriffs unter postdigitalen Vorzeichen wider (Decuypere und Simons 2016; Richter 2022; Matzner u. a. 2024; Nosthoff 2026). Das Konzept der Literacy/Literacies ermöglicht, so die Hoffnung des Calls, keine Auflösung als vielmehr einen Ein- und Ausbruch in und aus dem performativen Spannungsverhältnis von Kompetenz und Bildung. Die Idee der Postdigitalität, soll hierbei die Möglichkeit bieten, die Begriffe in ihrer Situiertheit und Dynamik produktiv zu halten.
Leitend ist für uns als Herausgebende hierbei der Gedanke, dass unsere Begriffe von Kompetenzen, Bildung und Literacies, keine abbildende, sondern eine modellierende Funktion haben. Unsere Begriffe sind selbst immer schon integraler Bestandteil jener Landschaften, die wir mit ihrer Hilfe zu kartieren versuchen. Dieser Gedanke und die aus ihm resultierende Konsequenz der Unmöglichkeit einer abschliessenden Kartierung der «Literacies in postdigitalen Gesellschaften» war das gemeinsame Ergebnis eines gleichnamigen Workshops der AG Medien des Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im November 2025 und zugleich Anstoss für dieses Themenheft.
Der Anspruch des Themenheftes ist es entsprechend nicht, abschliessende Antworten zu finden, sondern in erster Linie Fragen aufzuwerfen. Die Struktur der Beiträge ist – ganz im Sinne post-digitaler Diskurse – gedacht als eine Sammlung von Strömungen und unterschiedlichen Annäherungen, Verortungen und Kartierungen von Postdigitalität und damit verknüpften Bildungsprozessen und Literacies in ihrer Vielfältigkeit und Vielstimmigkeit. Das Themenheft sieht sich nicht als Abschluss, sondern als Anstoss eines Prozesses, ganz im Sinne von: «Embrace the messiness» (Jandrić, MacKenzie, und Knox 2024, 412).
BeiträgeEingeladen sind theoretische sowie empirische und/oder praxisbezogene Beiträge, die Fragen aufwerfen oder Leerstellen und Lücken aufzeigen zu folgenden Schwerpunkten:
Theoretische Fragen, Leerstellen und Lücken- Beiträge, die historische, kritische, anthropologische und onto-epistemologische Fragen zu Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies generieren
- Beiträge, die entlang zentraler Begriffe von Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies historische, kritische, anthropologische und onto-epistemologische Lücken und Leerstellen aufzeigen
- Beiträge, die sich an einer historischen, kritischen, anthropologischen und onto-epistemologischen Kartierung und Relationierung von Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies beteiligen
- Beiträge, die methodische und methodologische Fragen zu Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies generieren
- Beiträge, die entlang empirischer Phänomene methodische und methodologische Lücken und Leerstellen von Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies aufzeigen
- Beiträge, die sich an einer methodischen, methodologischen und empirischen Kartierung und Relationierung von Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies beteiligen
- Beiträge, die didaktische, mediendidaktische und praktische Fragen zu Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies generieren
- Beiträge, die entlang von Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies didaktische und mediendidaktische und praktische Lücken und Leerstellen aufzeigen
- Beiträge, die sich an einer didaktischen, mediendidaktischen und praktischen Kartierung und Relationierung von Postdigitalität, Bildung, Kompetenz und Literacies beteiligen
Dieser Call lädt zu Beiträgen in einem einstufigen Begutachtungsverfahren ein:
- Volltexte im Umfang von ca. 40.000 Zeichen (exkl. Literaturangaben und Abstracts) mit Angabe von fünf bis sechs Keywords. Einreichung bis zum 15. Februar 2027 via: https://www.medienpaed.com/about/submissions.
- Im Anschluss werden die Volltexte im zweifachen double-blind peer-review-Verfahren unter Einbezug der Autor:innen bis Mitte April 2027 begutachtet und anschliessend bis 15. Juni 2027 überarbeitet.
Die Veröffentlichung des Themenheftes ist für Herbst 2027 geplant.
Anforderungen an Volltexte- Bei den eingereichten Artikeln in Deutsch oder Englisch muss es sich um Originalbeiträge beziehungsweise Erstveröffentlichungen handeln. Artikel können in Deutsch oder Englisch eingereicht werden.
- Wissenschaftliche Beiträge (Volltexte) sollten ungefähr 40.000 Zeichen (mit Leerzeichen, ohne Abstract und Literaturverzeichnis) umfassen.
- Ein Abstract von 150-200 Wörtern fasst die zentralen Aussagen und Ergebnisse kurz zusammen.
- Sowohl Titel wie Abstract müssen in deutscher und englischer Sprache vorliegen und zusammen mit dem Artikel eingereicht werden.
- Es gelten die Richtlinien für Autor:innen:
https://www.medienpaed.com/about/submissions#authorGuidelines. - Die eingereichten Beiträge werden im double-blind peer-review-Verfahren begutachtet.
- Im Rahmen der wissenschaftlichen Transparenz ermutigen wir alle Forschenden, ihre Forschungsdaten (z. B. Software, Datensätze, verwendete Fragebögen) mit der Einreichung zur Verfügung zu stellen.
Einreichung der Volltexte via: https://www.medienpaed.com/about/submissions.
Wichtige DatenZeitraum für Einreichung der Volltexte:
bis 15. Februar 2027
Rückmeldung an die Einreichenden:
bis Mitte April 2027
Überarbeitung der Beiträge:
bis 15. Juni 2027
Editing und Proofing:
ab Juli 2027
Herausgebende- Caroline Grabensteiner, Goethe-Universität Frankfurt a. Main (grabensteiner@em.uni-frankfurt.de)
- Christoph Richter, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (richter@paedagogik.uni-kiel.de)
Bei Rückfragen melden Sie sich gerne bei den Herausgeber:innen.
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