Der Facettenreichtum des (post-)digitalen Erzählens

Schlagworte

Bildung des Narrativen
Postdigitalität
Tagungsband
Rezension

Zitationsvorschlag

Brown, Anna-Lena. 2026. „Der Facettenreichtum Des (post-)digitalen Erzählens“. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Nr. Reviews - Rezensionen (Februar). https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2026.02.01.X.

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Copyright (c) 2026 Anna-Lena Brown

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Abstract

Rezension zu

Kramer, Michaela, Lilli Riettiens, Konstanze Schütze, und Christina Vollmert, Hrsg. 2025. Bildung des Narrativen: Transdisziplinäre Perspektiven auf intermediales Erzählen [in] der Postdigitalität. München: kopaed. 24,80 €.

https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2026.02.01.X

Bildung des Narrativen

Der aus der Tagung im Dezember 2023 an der Universität zu Köln mit dem Titel «What’s the story, Internet?» hervorgegangene Band rückt Erzählungen und Geschichten in ihrer orientierungsstiftenden Bedeutung vor dem Hintergrund der (post-)digital durchdrungenen Gegenwart in den Fokus. Dabei wird die Thematik der Narrative breit aufgespannt und von den insgesamt 40 Autorinnen und Autoren mit diversen disziplinären Bezügen (darunter: Philosophie, Kunst, Medienpädagogik und Musikwissenschaften) mit unterschiedlichen Zugängen aufgefächert. Als Besonderheit des Bandes ist jedoch nicht nur seine Interdisziplinarität zu nennen, sondern auch die kreative Ausgestaltung und Darbietung der Beiträge in unterschiedlichen Formaten, die sich collagenhaft zu einem stimmigen und doch im besten Sinne unabgeschlossenen Ganzen zusammenfügen. So eröffnen neben klassischen theoretisch und empirisch ausgerichteten Textbeiträgen wie Forschungsskizzen auch künstlerische Formate wie Bildstrecken verschiedene Perspektiven auf die Thematik und tragen so auf ihre je eigene Art zum kartografischen Vorhaben des Bandes bei. Diese «Bricolage» der insgesamt 34 Beiträge verteilt sich auf acht thematische Abschnitte, die auf unterschiedliche Verständnisse, Aspekte und Akzentuierungen des Narrativen abheben ohne dabei jedoch zu starke kategoriale Einschnitte und thematische Setzungen vorzunehmen.

In ihrem einleitenden Beitrag erläutern die Herausgeberinnen ihre Zugänge zur Thematik des Narrativen in der (Post-)Digitalität und legen ihr Anliegen einer Befragung der «Bildung des Narrativen» im Kontext (post-)digitaler Verhältnisse dar. Dabei stellen sie einerseits Bezüge zu Aspekten der (post-)digital durchdrungenen Gegenwart her und situieren den Narrativ-Begriff im Zentrum der Überlegungen um die damit verbundenen Phänomene. In diesem Zuge werden einerseits Fragen der Verantwortlichkeiten im Kontext der durch Narrative reproduzierten Ungleichheiten – mit Blick etwa auf narrativ (re-)produzierte Machtverhältnisse – aufgeworfen. Andererseits wird im Lichte zunehmend fragwürdig erscheinender Urheber:innenschaft von Narrativen in der (post-)digitalen Welt – angesichts etwa der zunehmenden Verbreitung von KI-Technologie – mit einem Rückgriff auf Roland Barthes (2006 [1967]) – die Frage nach der Bedeutung von Autor:innenschaft im Kontext aktueller Tendenzen und Entwicklungen reformuliert und damit der Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft gespannt.

In den Beiträgen des ersten Abschnitts, betitelt mit der Überschrift «Next Narratives & Narrating Change», werden Narrative einmal im Hinblick auf ihre transformativen Potenziale betrachtet, andererseits werden neue Perspektiven auf Narrative entwickelt. Dabei wird zunächst im Beitrag von Markus Rautzenberg der Blick auf die Fiktionalität von Narrativen gelenkt und danach gefragt, was es bedeutet, wenn Narrative zur Begründung von politischem Handeln verwendet werden. Entlang zweier Beispiele («Aktenzeichen XY…ungelöst» inkl. der Dokumentation «Diese Sendung ist kein Spiel» sowie «Der Waldgang» von Ernst Jünger) wird ein historischer und ideengeschichtlicher Bogen gespannt, in dem Angst, bzw. der Handel und das Handeln mit ihr (fear mongering), als Motiv des Narrativen in ihrer zentralen Rolle reflektiert wird.In den Beiträgen von Michaela Kramer und Angela Tillmann sowie Martina Leeker und Konstanze Schütze, die jeweils als Forschungs- bzw. Projektskizzen charakterisiert werden können, stellen Narrative und ihre Wandlungsprozesse wiederum einen Schwerpunkt des Erkenntnisinteresses bzw. einen zentralen theoretischen Bezugspunkt dar. Michaela Kramer und Angela Tillmann stellen in ihrem Beitrag das partizipative Projekt «Youth and their images of sustainability» vor, das sich der Frage widmet, wie Jugendliche historische und zeitgenössische Bilder und Narrative von Nachhaltigkeit in sozialen Medien wahrnehmen und verhandeln. Das Lehr-/Forschungsprojekt «Care Research Lab» von Martina Leeker und Konstanze Schütze wiederum verfolgt das Ziel, durch die Identifizierung von Narrativen zu Care und der Dekonstruktion ihrer Regierungsweisen neue Perspektiven auf den Themenkomplex Care zu entwickeln. Der englischsprachige Essay verfasst von Nishant Shah wiederum, eingeleitet von einer kurzen Narration zu einer ‹Deep-Like-Krise› unter Schüler:innen, beleuchtet die ‹Like›-Funktionalität in sozialen Medien in ihrer hier argumentierten «digital narrative function» (S.63). Shah führt das Konzept der media objects ein, die als Knoten- oder Ankerpunkte verstanden werden können und an der Erzeugung von Sinn in digitalen Narrativen beteiligt sind, um die Rolle von Likes in ihrer kulturellen und sozialen Bedeutung zu reflektieren. Das Kapitel wird durch einen künstlerisch-humoristischen Beitrag von Josephine Roth und Alina Bonitz in Form einer Dokumentation des Workshops «Nailing Art(s) Education» abgeschlossen, der aus einer ironischen, überspitzt formulierten Anleitung zum gegenseitigen Nägellackieren sowie einer anschliessenden kurzen Fotostrecke besteht.

Der zweite Abschnitt trägt den Titel «Narrating the Self/Narratives of the Self» und nimmt Erzählungen als «Selbsterzählungen» im Kontext von Bildung als «Selbstbildung» in den Blick. Eröffnet wird das Thema durch einen wissenschaftlichen Beitrag von Christian Noll, der sich mit der Frage von Authentizität im Kontext von Erzählen mit Bewegtbildern und deren Relevanz vor allem für Jugendliche beschäftigt. Aus einer theoretisch fundierten Perspektive, die sich aus interdisziplinären Bezügen zum Authentizitätsbegriff speist, werden schlaglichtartig unter anderem filmsprachliche Mittel angeführt und um Überlegungen zu plattformlogischen Mechanismen wie etwa auf Social Media angereichert, um letztlich den Bogen zu Theorien der Medienbildung zu schlagen. In ihrem Beitrag «Bookstagram – Identitätskonstruktionen und Viralität auf Instagram» stellt Sara Turic Überlegungen für eine Forschungsarbeit vor, in der die Zusammenhänge des Online-Phänomens mit der Identitätskonstruktion der Content-Creator:innen untersucht werden sollen. Sie zeigt dabei zunächst anhand einer Beispielanalyse eines Accounts in überzeugender Weise auf, wie die Dokumentarische Methode zur Bildanalyse (vgl. Bohnsack 2013) zum Einsatz kommen kann, um spezifische Merkmale herauszuarbeiten, die zur Beliebtheit von Bookstagram-Accounts beitragen. Aufbauend auf diesen Ausführungen formuliert sie ihre Anschlussfragen sowie eine Forschungsskizze für die geplante Masterarbeit. Im Beitrag «Der Honig und die Wespen – Postkoloniale Rekonstruktionen von Metaphern im Erzählen über Flucht und Migration» spürt Anastasia Gonzales der Frage nach, in welchem Verhältnis Metaphern und Narrationen stehen und wie sie sich auf öffentliche Diskurse auswirken. Eindrücklich argumentiert sie bezugnehmend auf postkoloniale Theoreme entlang der gewählten Metapher rund um Honig und Wespen, die einer Diskussion zweier Talkshowgäste von Maybritt Illner entstammt, wie Bildsprache mittels Komplexitätsreduktion den Weg für Othering-Prozesse und Dehumanisierung ebnet und damit ihre diskriminatorische Wirkmacht im öffentlichen Diskurs um Flucht und Migration entfaltet. Der Beitrag «Muttermal» von Marlène Tencha schliesst das Kapitel mit einer autobiografisch einzuordnenden Zusammenstellung von Fotografien ab, die eine Auseinandersetzung mit der familiären «Vererblichkeit» von Geschichten darstellt.

Mit der Frage, wie Narrative zur Konstruktion von Normalität, Exklusions- und Inklusionsprozessen beitragen, beschäftigen sich die Beiträge im dritten Abschnitt, betitelt mit «Narratives of Normal/Narrating the Normal». Der erste Text von Lilli Riettiens und Jona T. Garz befasst sich mit der Bedeutung von sogenannten «kleinen Formaten», Vordrucken und Formularen für eine hegemonial geprägte Wissenskonstruktion im Kontext kolonialer Wissensgeschichte. Dabei wird anhand der Darstellung der Hilfsmittel der Anthopometrie, also der Vermessung des Menschen -- darunter «Zahlenreihen, Graphen und Tabellen» (S.132) – gezeigt, wie epistemische Gewalt (Spivak, 2008 [1988]) unter anderem durch die vermittelte Objektivität und Neutralität der Hilfsmittel ausgeübt wird. Eine weitere Perspektive auf die Thematik bietet Franziska Bellinger: In ihrem Text spürt sie aus einer mediendidaktischen Perspektive dem vielfach verbreiteten «Narrrativ der Chancengleichheit», das mit dem Einsatz digitaler Medien in formalen und non-formalen Bildungskontexten verbunden ist, nach. Die Autorin zieht dabei die Kernkonzepte der Habitus-Theorie von Bourdieu heran und argumentiert, dass habitualisiertes Handeln in Bildungskontexten Ungleichheit durch den Einsatz digitaler Medien auch (re-)produzieren kann. In der Forschungsskizze «Tod und Trauer auf TikTok» von Susannah Biskup werden Überlegungen zur Erforschung der Zusammenhänge von tabuisierten Themen wie Tod, Verlust und Trauer und sozialen Medien im Rahmen einer Masterarbeit vorgestellt. Dabei sollen einerseits Muster im Umgang mit den Themen auf der Plattform TikTok, andererseits die subjektive Sichtweise von Nutzer:innen in den Blick genommen und im Rahmen eines qualitativen Forschungsprojektes untersucht und dadurch nicht nur Erkenntnisse über die Zusammenhänge von tabuisierten Themen und sozialen Medien generiert, sondern auch ein Beitrag zu ihrer Enttabuisierung geleistet werden. Antonia Stiegemann entwirft in ihrem Text eine Forschungsskizze, um Mediatisierungsprozesse im Bildungsbereich zu erforschen. Ihr Ziel ist es, den Einsatz von digitalen mehrsprachigen Bildungsmedien in ausserschulischen Vorlesesituationen zu beleuchten, um zu Erkenntnissen über den Zusammenhang von Ungleichheit, Mediatisierung und ausserschulischer Bildung zu gelangen. Abgeschlossen wird das Kapitel wieder durch einen künstlerischen Beitrag – hier von Rubina Ünzelmann-Balotsch –, welcher «Strategien der Tarnung und der Selbstermächtigung» (S.173) als miteinander verwoben beleuchtet. In «protect, connect, take space» wird die Funktion und symbolische Kraft von Camouflage-Muster angeeignet und umgedeutet – von einer gewaltvollen Strategie hin zu einer schutzbietenden.

Die Texte des Abschnitts «Narrating the Past/Narratives of the Past» eröffnen zeitsensible Perspektiven, indem sie aus unterschiedlichen disziplinären Warten heraus nicht nur die Gegenwart des Narrativen betrachten, sondern den Blick auch auf Vergangenes richten. So gelingt Florian Nieser in seinem Beitrag «Transmedialität als Brückenkonzept – ein methodischer Vorschlag zur medienübergreifenden Analyse im Bereich germanistischer Mediävistik und den Game Studies» der Brückenschlag zwischen den beiden Forschungsfeldern über eine Aufarbeitung der Konzepte der Medialität und Transmedialität. Dahinter steht das Ziel, über das Konzept der Transmedialität ein zusammenführendes Verständnis für mittelalterliche Literatur und digitale Games zu entwickeln und somit das digitale Erzählen als Forschungsbereich für die germanistische Mediävistik zu erschliessen. Die enge Verwobenheit von Naturwissenschaft und Erzählung stellt Andreas Bernard eindrücklich anhand seiner wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtungen der Erforschung von Mikroben dar. Im Text wird deutlich, wie das Erkenntnisobjekt ‹Krankheitserreger› von Forschenden der medizinischen Bakteriologie im 19. Jahrhundert narrativ hergestellt und der Blick der Forschenden für andere Ursachen für Erkrankungen damit zeitweise verstellt wurde. Der künstlerische Beitrag «Unintentional Monument (The Matrix Code)» stellt eine Auseinandersetzung mit Verwobenheiten dar, die sich rund um das US-amerikanische Thinktank der RAND-Corporation formieren und historischen Wandel überdauern. Das Projekt verbindet dabei computergenerierte Bilder des bereits abgerissenen ehemaligen Hauptquartiers der Organisation mit selbstgeschriebenen Texten. Betrachter:innen werden mit auf eine spekulative Erkundungsreise genommen, die eine Verbindungslinie zwischen Vergangenheit und Zukunft zieht und somit alternative Reflexions- und Imaginationsräume eröffnet. Der letzte Beitrag des Abschnitts nimmt erneut das Thema digitaler Games und Erzählungen in den Blick, diesmal aber mit Bezug zur pädagogischen Praxis: Marco Rüth stellt in seinem Text die Frage, «Games, was können wir aus euren Erzählungen lernen?». Einer Antwort näher er sich, indem er zunächst Erkenntnisse aus empirischen Studien zum Themenkomplex Games, Erzählungen und (schulischem) Lernen in allgemeiner Annäherung analysiert. Der Beitrag liefert einen guten Überblick über die Bandbreite, zentrale Merkmale, Einsatzmöglichkeiten und Voraussetzungen für die Nutzung von digitalen Spielen in schulischen Kontexten, zeigt jedoch auch Lücken in der Forschung auf.

Der nächste Abschnitt richtet den Blick auf die Zukunft und damit vor allem auf das Thema der künstlichen Intelligenz. Die Beiträge unter «Narrating Future/Narratives of Future» widmen sich dabei nicht nur Fragen danach, wie KI das Erzählen beeinflusst, sondern auch, welche Erzählungen wie unsere Beziehung zu KI beeinflussen. Dabei wird dezidiert eine macht- und hegemoniekritische Position eingenommen, um gängige Narrative nicht zu reproduzieren, sondern in der Auseinandersetzung auch auf alternative Perspektiven zu verweisen. In ihrem Beitrag mit dem Titel «Un(be-)rechenbare Geschichten – Zwischen den Zeilen des technologischen Solutionismus lesen» argumentiert Anna Sprenger, dass es zwei Stränge der Erzählung über KI-Systeme im derzeitigen Diskurs gibt: den der sogenannten Coding Cultures, primär propagiert durch IT und Tech-Unternehmen, die das Narrativ der Datafizierung und der Mystifizierung von Technologie befeuern. Damit tragen sie dazu bei, dass der zweite Erzählstrang, der gewaltvollen Kehrseite der Technologien, der sich etwa in den Arbeitsbedingungen von Clickworkern offenbart, unsichtbar gemacht und gehalten wird. Durch das Anknüpfen an postkoloniale Erzählungen ermöglicht die Autorin so, die Technologie machtkritisch zu betrachten und als eine Fortführung ausbeuterischer Strukturen zu entlarven. In ihrer Forschungsskizze mit dem Titel «What’s the story about AI? Narrative von KI-Systemen im medienpädagogischen Blick» entwickelt Merle Bieber basierend auf der Argumentation, dass Zuschreibungen gängige Narrative der Anthropomorphisierung und Überhöhung von KI verstärken, eine Idee zur Erforschung dieser Zuschreibungen in schulischen Kontexten. Mit Rückgriff auf den Begriff der Souveränität als Zielkategorie und der Verortung von Handlungsmacht an der Schnittstelle von Mensch und Technologie wird das Ziel formuliert, das Zusammenspiel in schulunterrichtlichen Settings zu erforschen. Im Beitrag «Die Erzählung des Immer-Gleichen – Von narrativen Machtgefällen und selbsterfüllenden Prophezeiungen» arbeitet Katharina Mosene auf eindrucksvolle Weise heraus, wie Narrative in Form von Hypes und Mythen rund um KI einerseits instrumentell dazu beitragen, gesellschaftliche Machtgefälle zu stärken und andererseits wie die ungleichen gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die – eingegossen in Trainingsdatensätze, Entwicklungs- und Trainingsprozesse der KI – sich in Form von Narrativen in KI-Anwendungen firmieren. Doch die Autorin zeigt auch Gegenbewegungen und Projekte auf, die den sich festzuschreiben drohenden ungerechten Status Quo anfechten und ihm etwas entgegensetzen, so wie etwa das «Feminist Data Manifest-No» (Cifor et al. 2019) oder das «AI Decolonial Manyfesto» (Krishnan et al. 2022).Der letzte Beitrag des Kapitels «Ohne Angst verschieden» von Anna Schapiro stellt abermals eine künstlerische Auseinandersetzung dar und zwar mit der Frage, was eine Stadt tun muss, damit ihre Bürger:innen in ihr «ohne Angst verschieden leben können» (S. 275). In einer Plakatausstellung am Rathaus in Offenbach wurde diese Frage dem rassistischen Anschlag in Hanau folgend in verschiedenen Sprachen an die Öffentlichkeit gerichtet. Damit werden gängige Sicherheitsnarrative, die häufig zur Begründung von rassistischen und migrationsfeindlichen Positionen angeführt werden, umgedeutet und auf Akteure der Öffentlichkeit gerichtet.

Der Abschnitt «Narrative [and] Aesthetics» stellt eine Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen dem Narrativen und dem Ästhetischen dar. Die hier versammelten Beiträge erkunden dabei Wechselwirkungen der beiden Dimensionen in unterschiedlichen medialen Kontexten. So eröffnen Christina Vollmert und Helene Heuser das Kapitel und damit das Feld der «Internet Aesthetics» im gleichnamigen Beitrag. Damit bezeichnen die Autorinnen einen vielversprechenden Phänomenbereich, der «Ko-kreative Praktiken und postdigitales World Building» im Rahmen von Community-basierten, referentiell operierenden, kollektiv kuratierten und imaginierten Erlebniswelten ins Zentrum rückt. Der Beitrag stösst eine Türe auf zu Räumen, in denen (audio-)visuelle und bisweilen interaktive Trends wie Dark Academia und Cottagecore ihren Platz in der gemeinsamen Konstruktion und Ausgestaltung der jeweiligen ästhetischen Referenzsysteme finden. Hier sehen die Autorinnen, geleitet von der vorgeschlagenen Analytik, unter anderem die Möglichkeit, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Welten und Realitäten in Form von Narrativen von unterschiedlicher Komplexität zu erkunden und skizzieren eine Analysefolie, um sich mit grundsätzlicheren Fragen nach Partizipation in postdigitalen Lebenswelten zu beschäftigen. In ihrem Beitrag «Die Erzählung der Enthüllung – Oversharing im Kontext algorithmischer Authentizität» skizziert Jana Wodicka ihre Überlegungen zum Phänomen des Oversharing, also dem meistens ungefragten Teilen von persönlichen Informationen, Gedanken, Gefühlen oder Erfahrungen, etwa auf Social Media, das entweder von den Teilenden selbst oder von anderen als übermässig oder ‹zu viel› markiert wird. Die Autorin verortet dieses von ihr als komplex und ambivalent konstruierte Phänomen auf einer machtkritischen sowie auf einer medientheoretischen Dimension und nimmt dabei Bezug auf verschiedene Diskursfelder sowie gegenwartsdiagnostische Arbeiten und gibt darüber einen Ausblick auf ihre zukünftige Forschungsarbeit zum Phänomen des Oversharings. Oliver Ruf zeigt in seinem Text mit dem Titel «Artefakte, Zeichen, Ordnungen – Eine Filmarchäologie des Intermedialen» anhand einer Analyse des Films «The Whale» (2022, Regie: Darren Aronofsky) auf, wie Intermedialität im Film zugleich ent- aber auch verwickelt wird. Der Autor arbeitet dabei mit einer Fadenmetapher von Intermedialität: wo sonst Medien durch Referenzierungen und Verweisungen miteinander verflochten die ästhetischen Erfahrungen konstitutieren, entflechten sie sich im analytischen Blick des Autors im Film. Der Abschnitt schliesst abermals mit der Darstellung künstlerischer Arbeit: Olga Holzschuhs Performance-Werk «the anger belongs to the gods» aus dem Jahr 2018. Dieses wird den Leser:innen durch pink eingefärbte Fotografien und dem Text der Performance präsentiert, sodass man sich diese ähnlich wie ein Theaterstück vorstellen kann. Es wird deutlich, dass im Rahmen der Performance eine Situation nachgestellt wird, die einer Therapiesitzung ähneln soll, in der eine Person aus dem Publikum einer Behandlung durch die Performance-Künstlerinnen (Tabea Venrath, Olga Holzschuh) unterzogen wird.

Der Abschnitt «Narrative Object & Narrating Sounds» erkundet die Zusammenhänge zwischen Narration, Klängen und Objekten und fragt dabei nach Erzählungen mit und durch nicht-sprachliche Elemente. Die meist in der Praxis verwurzelten Beiträge rücken die performativen, kollektiven und materiellen Aspekte des Erzählens in den Blick und holen anthropologische Fragestellungen nach der Rolle des Menschen in der (Post-)Digitalität auf den Plan. Eröffnet wird das Kapitel mit einer Reflexion eines gemeinsamen Workshops «Social Fiction in Graphic Novels: Positive Gegenerzählungen zu Krisendarstellungen», der im Rahmen der im Band aufgegriffenen Tagung stattfand. In ihrem Text mit dem Titel «Eintauchen in utopische Bild(t)raumwelten» geht Alyssa Feick, welche den dem Text zugrunde liegenden Workshop gemeinsam mit Stefanie Henke hielt, sowohl auf Inhalte, als auch auf die Formate der stattgefundenen ko-kreativen Prozesse ein und lässt die Leser:innen an den darauf ableitbaren Erkenntnissen teilhaben. Aufbauend auf der Beobachtung, dass Krisennarrative seit einigen Jahren – nicht zuletzt auch im wissenschaftlichen Diskurs – allgegenwärtig sind und die Wahrnehmung der Gegenwart massgeblich prägen, hatte der Workshop das Ziel, grafische Narrationen hinsichtlich ihres Potenzials zu untersuchen, diesen Krisennarrativen etwas entgegenzusetzen. Im Genre der Social Fiction Graphic Novels konnten dabei u.a. Potenziale abgeleitet werden, die beispielsweise queer-feministisch informierte Gegenentwürfe zu Krisennarrativen initiieren könnten. «Oh, What a View» – so heisst sowohl die EP als auch der Textbeitrag der Musikerin Katharina Reich aka Katirha. In ihrem als Erfahrungsbericht gekennzeichneten Text, der ihre künstlerische Auseinandersetzung mit KI thematisiert, fragt sie, inwiefern KI das Erzählen von Geschichten verändert und ermöglicht. Die Musikerin beschreibt mit bemerkenswerter Offenheit ihren künstlerischen Werdegang der frühzeitig geprägt war von der Erschaffung innerer Erzählwelten. Weiterhin gibt sie Leser:innen Einblicke in die Schritte des ko-kreativen Prozesses im Zusammenspiel mit der Technologie, um ebenjene innere Erzählwelt in eine künstlerische Form zu giessen und so über Musik und Grafik erfahrbar zu machen. Dabei adressiert sie auch die aktuell vielfach aufgeworfene Frage nach dem Status von Kreativität in Zeiten von KI. In der Abwägung der Vor- und Nachteile kommt sie zu dem Schluss, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, die KI in den kreativen Prozess einzubeziehen, die nicht zwangsläufig bedeuten müssen, dass der Mensch an eigenständiger kreativer Schaffenskraft einbüsst. Auch der Text von Michelle Posmyk mit dem Titel «Künstliche Intelligenz = Künstliche Kreativität? Mensch und Maschine im Schaffensprozess der Musik» befasst sich mit der Frage rund um KI und Kreativität. Die Autorin leistet einerseits Begriffsarbeit, indem sie zentrale Aspekte des Konzepts der Kreativität herausstellt und arbeitet andererseits schrittweise entlang von Forschungsergebnissen die zentralen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen menschlichen und maschinellen kreativen Prozessen heraus. Den Abschluss des Abschnitts stellt eine Abbildung des künstlerischen Werks «Wall 7» (2024) von Mirjam Thomann dar. Was im Original laut Abstract als grossformatige Zeichnung umgesetzt ist, ist im vorliegenden Band über mehrere Seiten dargestellt: eine handgezeichnete Wand, die aus vielen einzelnen, aufeinandergesetzten Ziegelsteinen besteht. Im einleitenden Textabschnitt wird die Entstehung thematisiert: das aufwendige, akribische und repetitive Zeichnen jedes einzelnen Steines mit der Hand – Steine, die aus vielen feinen, geraden und doch individuellen Linien auf Papier bestehen und nur in der Gesamtheit den Eindruck einer soliden Ziegelwand erwecken. Durch Linien werden die Steine zu individuellen Steinen und gleichzeitig zum Teil eines Ganzen, der Wand. Im Kontext des Bandes stellt sich dahingehend für Betrachter:innen die Frage: welche Geschichten erzählen die Wand, ihre Steine, ihre Linien? Was liegt dahinter?

Der letzte Abschnitt des Bandes trägt den Titel «Reflections». Die vier hier versammelten Beiträge stellen eine (selbst-)reflexive Distanz zu Inhalt und Form des Bandes her, ermöglichen so eine erneute Betrachtung der Thematik der Narrative und setzen diese mit dem Band selbst in Bezug. So reflektiert Eva Hegge in ihren handschriftlichen Notizen unter dem Titel «Mythen» Narrative in ihrer Bedeutung und Abgeschlossenheit über Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu Literatur, Erzählungen und Mythen. Anna Heudorfer reflektiert studentische Publikationspraktiken entlang der zahlreichen Beiträge von Studierenden bzw. kürzlich Graduierten im Band (Susannah Biskup, Sarah Turic, Jana Wodicka, Anastasia Gonzales, Katharina Reich, Elias Müller, Merle Bieber, Michelle Posmyk und Antonia Stiegemann). Sie entwickelt dabei wertvolle Perspektiven auf wissenschaftliche Publikationspraxis und arbeitet heraus, welche Rolle studentisches Publizieren spielen kann und wie dadurch Narrative in der Wissenschaft verändert werden könnten. Ausgehend vom Workshop «Care Lab Fellowship – Care deficits in food rescue and experimenting with Breadline», den Daisy Tam zum Tagungsprogramm von «What’s the Story, Internet?» beitrug, reflektiert Antonia Burggraef in ihrem Text «Flipping The Story und Subjective Mapping – Andere Narrative der Für/Sorge entwickeln» die beiden im Workshop erprobten Methoden. Ziel war es, neue Narrative zur Thematik der Für/Sorge zu entwickeln und dabei sonst vernachlässigte oder exkludierte Perspektiven einzubeziehen. Die Autorin reflektiert das Potenzial beider Methoden (Flipping the Story und Subjective Mapping) für ihre eigene Forschungsarbeit, aber auch für die Entwicklung von Gegen-Narrativen der Für/Sorge auf gesellschaftlicher Ebene. Passend dazu sowie zum im Band immer wieder angeklungenen Wechselspiel aus wissenschaftlichen und künstlerischen Beiträgen (und jenen dazwischen) findet das Kapitel und somit der Band seinen Abschluss in einem studentischen Beitrag, der genau diese Trennung, also die zwischen Kunst und Forschung, aufzulösen versucht. Elias Müller verbindet in seinem Beitrag «portfolio – Räumlich-reflexive Situierung entlang verknoteter Fäden eines künstlerisch-forschenden Studiums» Reflexionen zu seinem Studium und seinen verschiedenen Situierungen: räumlich, zeitlich und eingebettet in die institutionellen Verstrickungen mit der Institution «Universität», die als einschränkend empfunden werden. Um dem zu begegnen, finden die Studierenden im experimentellen Format unseminar Formen und Inhalte, um ihre eigene Arbeitsweise zu erkunden und entwickeln. Elias Müller greift dazu auf Denker:innen zurück, die science und fiction verbinden: Donna Haraway und Ursula K. LeGuin und entwickelt eine ganz eigene Erzählung von Studium als Verwobenheit von Kunst und Forschung: ein «Ensemble», wie er es angelehnt an Anna Oppermann nennt. «The single story creates stereotypes, and the problem with stereotypes is not that they aren’t true, but they are incomplete. They make one story become the only story» (Adichie, 2009, TC: 00:13:11-00:13:19) erinnert uns Chimamanda Adichie in ihrem TED-Talk über die Gefahren der einseitigen Geschichtserzählung. Der Band «Bildung des Narrativen» erzählt viele Geschichten über das Erzählen und das auf viele verschiedene Arten – so, dass keine «single story» über intermediales Erzählen in der Postdigitalität entsteht. Was entsteht, ist ein breit gefächerter, transdisziplinärer Zugang zu einem vielfach bearbeiteten Thema, das jedoch eher noch an Relevanz gewinnt. Denn oft sind die Erzählenden, die die zu Wort kommen, jene, die, ähnlich wie bei Mirjam Thomanns «Wall 7», Narrative errichten, welche eine Tendenz zur Vereinfachung und Gleichförmigkeit haben; wie Eva Hegge in ihrem Beitrag im vorliegenden Band schreibt: «Narrative vereinfachen […] Narrative schließen» (ebd., 402). Zugleich verdeutlichen die Beiträge, dass Erzählen in der Postdigitalität bedeutet, dass Narrative nicht nur in Textform vorzufinden und raum-zeitlich gebunden sind, sondern ebenso in unterschiedlichen audio-visuellen Formaten sowie als sozio-materielle und sozio-mediale Kollektivpraktik stattfinden. Passenderweise wird genau diesem Umstand mit dem Band in angemessener Weise begegnet und so kommen in dem hier besprochenen Werk viele wertvolle Perspektiven in Wort und Bild zum Ausdruck.

Die Lektüre des Bandes empfiehlt sich vor allem jenen, die einen aktuellen, breit gefächerten und multiperspektivischen Blick in die Thematik der Narrative im Zusammenhang mit Bildung und Postdigitalität suchen. Aufgrund der Vielzahl der vertretenen Perspektiven lädt der Band zum Weiterdenken und Nachverfolgen ein – vor allem im Kontext einer theoretischen bzw. empirischen Beschäftigung mit den genannten Themenfeldern. Jenen, die also auf der Suche nach Zugängen zur Thematik sind, die über den disziplinären «Tellerrand» hinaus blicken, eröffnet der Band vielversprechende Möglichkeiten.

Literatur

Adichie, Chimamanda Ngozi. 2009. The Danger of a Single Story. TED Global conference. https://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story/transcript.

Barthes, Roland. 2006. Das Rauschen der Sprache. 6. Auflage. Übersetzt von Dieter Hornig. Kritische Essays, Band 4. Suhrkamp.

Bohnsack, Ralf. 2013. «Dokumentarische Methode und die Logik der Praxis». In Pierre Bourdieus Konzeption des Habitus, herausgegeben von Alexander Lenger, Christian Schneickert und Florian Schumacher, 175-200. Wiesbaden: Springer VS, https://doi.org/10.1007/978-3-531-18669-6_10.

Cifor, Marika, Patricia Garcia, TL Cowan, Jasmine Rault, Tonia Sutherland, Anita Say Chan, Jennifer Rode, Anna Lauren Hoffmann, Niloufar Salehi, und Lisa Nakamura. 2019. Feminist Data Manifest-No. https://www.manifestno.com/.

Kramer, Michaela, Lilli Riettiens, Konstanze Schütze, und Christina Vollmert, Hrsg. 2025. Bildung des Narrativen: Transdisziplinäre Perspektiven auf intermediales Erzählen [in] der Postdigitalität. München: kopaed.

Krishnan, Aarathi, Angie Abdilla, A Jung Moon, Carlos Affonso Souza, Chel-le Adamson, Eileen M. Lach, Farah Ghazal, Jessica Fjeld, Jennyfer Taylor, John C. Havens, Malavika Jayaram, Monique Morrow, Nagla Rizk, Paola Ricaurte Quijano, R. Buse Çetin, Raja Chatila, Ravit Dotan, Sabelo Mhlambi, Sara Jordan, und Sarita Rosenstock. 2022. AI Decolonial Manyfesto.

Spivak, Gayatri Chakravorty, und Hito Steyerl. 2008. Can the subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Wien Berlin: Verlag Turia + Kant.