Ein Autor spiegelt seine Grundeinstellung

Schlagworte

KI
Big Data
digitale Medien
Rezension

Zitationsvorschlag

Tully, Claus. 2025. „Ein Autor Spiegelt Seine Grundeinstellung“. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Nr. Reviews - Rezensionen (April). https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2025.04.09.X.

Lizenz

Copyright (c) 2025 Claus Tully

Creative-Commons-Lizenz
Dieses Werk steht unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 4.0 International.

Abstract

Rezension zu

Harari, Yuval Noah. 2024. NEXUS. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz. München: Penguin Verlag. 28,00 €.

https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2025.04.09.X

Der Untertitel «Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz» verspricht eine Rekonstruktion. Auch wenn wir nicht genau wissen, was denn KI ist, stellt der Autor eine Einordnung in Aussicht. Das Internet habe uns, unbegrenztes Wissen versprochen, der Algorithmus habe «unsere Geheimnisse erfahren – und uns dann gegeneinander aufgebracht.» (Klappentext, Rückseite) Wer möchte nicht wissen, wie das Internet funktioniert, warum es in Gang gesetzt wurde, wie seine ökonomische Funktionsweise ist und welche sozialen Folgen im nationalen und internationalen Verkehr ausgemacht werden können? Gleichermassen von Interesse wäre die versprochene Aufklärung darüber, was ein Bot sei und wie so etwas funktioniert, welche Interessen dahinterstehen, wie damit Fakes verbreitet werden und so weiter und so weiter. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis ist da hilfreich. Es geht um Datenkolonialismus (ebd., 507 ff.), Big Data, Fake News, Kontrolle des privaten Alltags und um sich greifende Kommerzialisierung. Und es geht um die Entwicklung von Software «Vom Netz zum Kokon» (ebd., 513 ff.).

Was treibt den Autor um? «Wir entwickeln neue Technologien wie die künstliche Intelligenz (KI), die das Potenzial haben, sich unserer Kontrolle zu entziehen und uns zu versklaven oder gar zu vernichten.» Dieser etwas unpräzisen Bestimmung stellt er eine moralische Forderung zur Seite. Im Sinne des Autors wäre es wichtig, die Menschheit täte sich zusammen, «um diesen Bedrohungen geschlossen entgegenzutreten». Stattdessen nähmen die internationalen Spannungen zu und globale Zusammenarbeit werde schwieriger usw. (ebd., 9).

Harari kritisiert scheinbar einordnend naives Informationsverständnis. Populistischer Umgang mit Informationen ist ihm da ein Beispiel. Ein naives Informationsverständnis liegt vor, wenn man auf die Sammlung von Informationen und deren massenhafte Verarbeitung als Weg zum Fortschritt setzt. Er diagnostiziert: «Auch wenn Netzwerke mächtiger würden, müssten sie nicht gleichermaßen weise sein» (ebd., 14). Ohne es zu wissen, argumentiert Harari hier gegen ein amerikanisches Grundmuster. Dieses besagt nach Ludwig Marcuse («Amerikanisches Philosophieren», 1959) was nützlich ist, ist wahr, ist erfolgreich, richtig und klug.

Harari bemüht gerne die langen Linien der Entwicklung und erkennt Parallelen in der Einschätzung hinsichtlich des Nutzens von mehr Informationen für die Menschheit. «Schon 1858 hieß es in der Zeitung «The New Englander» zur Erfindung des Telegrafen: «Alte Vorurteile und Feindseligkeiten können unmöglich weiter Bestand haben, wenn ein solches Instrument für den Gedankenaustausch zwischen allen Ländern der Erde geschaffen wurde.» Und wie sieht es nun aus? Fast zwei Jahrhunderte und zwei Weltkriege später verkündete Mark Zuckerberg, Facebook habe es sich zum Ziel gesetzt, «den Menschen den Austausch zu erleichtern, um die Welt offener zu machen und die Völkerverständigung zu fördern» (ebd., 18). Allerdings, wer das Geschäftsmodell von Zuckerberg kennt, dürfte hier kritische Nachfragen anmelden.

Und was ist nun das Gegenteil von naivem Informationsverständnis? Hierzu sagt Harari etwas umständlich: «Information ist zwar nicht der Rohstoff der Wahrheit, doch sie ist auch keine bloße Waffe. Zwischen diesen beiden Extremen ist genug Raum für ein differenziertes und optimistischeres Verständnis menschlicher Informationsnetzwerke und unserer Fähigkeit zu einem weisen Umgang mit Macht. Diese Mitte will dieses Buch erkunden» (ebd., 31).

Zum Begriff «Nexus» führt Harari aus, dass heute Geschäfte nicht mehr lokal verortbar seien. Traditionell hänge die Frage, ob ein Unternehmen einen Nexus in einem bestimmten Land habe, davon ab, ob es dort physisch präsent ist, «in Form von Büros, Forschungszentren, Geschäften usw.» (ebd., 312). Deutlich wird anhand dieser Aufklärung, dass vertraute Definitionen und Grenzziehungen wie hier und dort, Inland vs. Ausland, Wissen oder Information, Macht und Herrschaft nun unter den grundlegend veränderten Ausgangslagen neu zu beleuchten sind. Physische Präsenz verliert bspw. an Definitionsmacht.

Worüber berichtet das Buch? Zunächst ist das Buch in drei Teilen gegliedert: Teil 1 «Menschliche Netzwerke» (ebd., 37 bis 270), Teil 2 «Das anorganische Netzwerk» (ebd., 271 bis 418) – hier geht es darum zu zeigen, «dass wir heute eine ganz neue Art von Informationsnetzwerk aufbauen, ohne innezuhalten und uns über mögliche Konsequenzen Gedanken zu machen» (ebd., 34) – sowie Teil 3 «Computerpolitik» (ebd., 419 bis 539), wobei es im dritten Teil unter anderem um den «Totalitarismus – alle Macht den Algorithmen»? (ebd., 479 ff.) geht. Dem Buch vorgeschaltet ist ein ausführlicher Prolog (ebd., 9 bis 36).

Teil 1 umreisst die Bedeutung von Information. Das Buch verspricht Aufklärung zu aktuellen Themen und bemüht hierfür die Retroperspektive. Johann Wolfgang von Goethe kommt in Gestalt des Zauberlehrlings zu Wort. Die Lehre, die Harari geben will, lautet nachvollziehbar: «Rufe keine Mächte herbei, die du nicht beherrschen kannst» (ebd., 11).

Auf unsere Tage angewendet wird formuliert: «Wir haben das Klima des Planeten aus dem Gleichgewicht gebracht und Milliarden von Hexenbesen, Drohnen, Chatbots und anderen algorithmischen Geistern beschworen, die sich unserer Kontrolle entziehen und eine Flut unbeabsichtigter Folgen entfesseln können» (ebd., 11). So macht uns der Autor bereits zu Beginn mit seinem Stil vertraut, denn wer von uns hat schon Drohnen beauftragt? Wer Satelliten ins All, wer Chatbots ins Netz gestellt oder andere algorithmische Geister gerufen? Harari will «uns» mitnehmen.

Ausgangspunkt ist ein umgreifendes Informationsproblem, da Information «das Garn» ausmacht, das unterschiedliche Netzwerke zusammenhält, die selbst «mit Hilfe von Fiktionen, Fantasien und Trugbildern – über Götter, Hexenbesen, KI und vieles mehr» über Jahrtausende entstanden sind (ebd., 13). Es geht mithin um eine Rekonstruktion längerer zeitlicher Abläufe, was bei einem schreibenden Historiker plausibel ist. Und er warnt davor, dass Probleme allein mit der Verfügbarmachung «und der Verarbeitung von Informationen» (ebd., 15) behebbar wären. Einfach mehr Informationen zu sammeln und zu verarbeiten, genügt nicht. In der Tat eine sachgerechte Feststellung.

Die Lektüre des umfangreichen, um nicht zu sagen dicken Buches, wird durch den verwendeten Erzählstil erleichtert. Geschickt wird ein Ereignis von 1917, bei dem es um Tauben geht, mit dem Medientheoretiker Marshall McLuhan (Erstveröffentlichung 1967) verknüpft (ebd., 43). So wird bei Leser:innen etwas zum Klingen gebracht: McLuhan, ach ja, das Buch, da war was mit Medium und Botschaft oder Botschaft und Medium. Als Historiker versteht er es, einzustreuen und zu unterhalten, Geschichte – so scheint es gelegentlich – nimmt «vorweg», ist exemplarisch für kommende Entwicklungen. Beispiel: «Als das Judentum Opfer durch Texte ersetzte, machte es die Information zum Grundbaustein der Wirklichkeit und nahm damit die Vorstellung der Physik und Informatik vorweg» (ebd., 137).

Interessant sind seine Ausführungen über die moderne Wissenschaft. Er sagt, dass diese im Kern reflexiv sei, denn Wissenschaft funktioniere auf der Basis von Schreiben. Konkret benutzt er die Phrase «wer schreibt, der bleibt». Eine Aussage, die beim Skat immer stimmt, da die Schreiber, die die Punktwerte notieren, nie aus dem Spiel fliegen. Yuval Noah Harari verdeutlicht, dass sich Wissenschaft kritisch mit Vorgängertheorien befasst, die fallweise widerlegt und weiterentwickelt würden (ebd., 173).

Wo immer freie Information eine Nullstelle ist, setzt Harari mit massiver Kritik an: «der marxistischen Lehre zufolge wurde die menschliche Gesellschaft seit Jahrtausenden von korrupten Eliten beherrscht…» (ebd., 233). Und welche Lehren gewinnen wir daraus für die Informationsgesellschaft unserer Tage? Vermutlich leitet ihn die Faustformel: Wo immer Information fehlt, ist Unfreiheit nahe. Wichtig ist ihm der freie Fluss von Informationen. Er vermutet, die Amerikaner hätten Vietnam aufgearbeitet, Afghanistan hingegen wäre jedoch wegen fehlender freier Information in der UdSSR nicht bearbeitet – eine nicht unproblematische Diagnose. Noch heute agieren die Taliban, die 1979 bis 1989 gegen die damalige UdSSR von Seiten der USA aufgebaut wurden.

Der Blick auf die Welt ist möglicherweise von seiner Weltensicht vorsortiert. Nur so wird seine Einordnung der chinesischen IT-Entwicklung nachvollziehbar. «Chinesische Software würde nur noch mit chinesischer Hardware und chinesischer Infrastruktur kommunizieren, und dasselbe würde auf der anderen Seite des Silicon Curtain geschehen. Da der digitale Code das menschliche Verhalten beeinflusst und das menschliche Verhalten wiederum den digitalen Code bestimmt, könnten sich die beiden Seiten auf unterschiedlichen Pfaden bewegen, die nicht nur in ihrer Technologie, sondern auch in ihren kulturellen Werten, sozialen Normen und politischen Strukturen immer wieder auseinanderdriften lassen» (ebd., 516).

Die hier diagnostizierte Separierung unterstellt die Verabschiedung von gemeinsamen Standards. Solche gemeinsamen Standards sind jedoch, sachlich betrachtet, unerlässlich, um auf dem jeweils gegnerischen Konkurrenzmarkt aktiv zu sein. Die Konkurrenz von Europa mit den USA und den USA mit China und Europa ist explizit eine um die Setzung von Standards, nicht nur bei Software. Huawei-Elemente waren vor einiger Zeit in der Diskussion. Sie sind kompatibel, es wurde jedoch seitens der USA gemutmasst, sie seien zu billig und dienten chinesischer Spionage. Mithin gibt es wohl gemeinsame Standards. Gäbe es diese nicht, wären TikTok und Huawei nicht kompatibel; dann bedürfte es keiner Sanktionen seitens der USA.

Eine abschliessende Einschätzung des Buches muss sich am Anspruch des Buches orientieren, und da geht es um Rekonstruktion von Technikentwicklung hin zu künstlicher Intelligenz und deren Anwendung. Für Historiker ist vieles schon früh angelegt, das stimmt aus soziologischer und medientheoretischer Perspektive nicht gleichermassen. Heute wird mit technischer Vernetzung gesteuert und zwar komplett anders als früher. Qua langer Leine im Kommunikationsnetz und fortgesetzter paralleler Einflussnahme hat sich manches überlebt, was früher noch unmittelbarer machtbasierter Kontrolle und Steuerung bedurfte. Technikgesteuerte Machtausübung beginnt bei der Münze des Einkaufswagens und endet noch nicht, wenn Maschinen uns sagen, was wir tun sollen (in der Warteschleife, bei der Codeeingabe), damit es weitergeht. Vermutlich gilt es unter diesen Bedingungen, weniger auf die Geschichte zu sehen und genauer auf das, was passiert.

Auch kleinere Unkorrektheiten fallen auf:

Beispiel 1: «Der marxistischen Lehre zufolge wurde die menschliche Gesellschaft seit Jahrtausenden von korrupten Eliten beherrscht, die das Volk unterdrückten» (ebd., 233). Marx kennt den Begriff der Eliten nicht, der Begriff ist jüngeren Datums. Donald Trump hat ihn, wie erinnerlich, intensiv gegen Hillary Clinton genutzt. Ist das eine Nachlässigkeit eines Historikers oder kennt er Marx einfach nicht? Marx gilt, neben anderen, als Klassiker der Soziologie (Bach 2023), wie aber führt Harari den Nachweis von Marx Denkweise unterkomplex? Er streicht beim Klassenantagonismus, dass die die Qualität bestimmende «Klasse» übrig bleibt, dann sowas wie Gegensatz oder ‚hin‘ und ‚her‘, ‚oben‘ und ‚unten‘.

Beispiel 2: Bürokratie: «Bürokratie bedeutet wörtlich ‚die Herrschaft des Schreibtischs‘» (ebd., 97), sie will die Welt in Schubladen zwängen, und «wenn es nicht passt, «dann quetschen sie sie eben hinein» (ebd., 97). Es ist modern geworden, gegen Bürokratie zu wettern. In den USA verkörpert das z.Zt. Elon Musk in der Trump-Administration, mit gleicher Intention empfiehlt in Deutschland der Vorsitzende der FDP ‚mehr Milei wagen‘, in Anspielung an Javier Milei, den argentinischen Präsidenten.

Was sagt Max Weber, der Erfinder der Bürokratie, dazu? Weber spricht von Abläufen, die einer Maschine vergleichbar funktionieren – und das «ohne Ansehen der Person». Egal, ob arm oder reich, ob Meier oder Bayer mit Namen. Zweck ist die Leistungsfähigkeit und Berechenbarkeit einer Organisation. Es geht um Arbeitsteilung, Amtshierarchie, Dienst- und Fachaufsicht und um Aktenmässigkeit. Übrigens, wann immer ein politischer Skandal identifiziert wird, sind Akten die Basis.

Beispiel 3: Harari meint ‚wir‘ verursachen eine Klimakatastrophe, wir trieben die Technikentwicklung Richtung KI voran. Da möchte man doch anmerken, dass zwischen den Promotoren der Medientechnik wie Zuckerberg und Musk und den Leser:innen möglicherweise eine unterscheidbare Einflussnahme zu bemerken wäre. Auch hinsichtlich des Ertrags von Medien sind unstreitig Differenzen ausmachbar.

Anders als viele von uns besitzt Musk, als Ertrag seines Medienengagements eine 500 Millionen-Yacht. Auch bei der Klimaschädigung wird im Buch häufig ein «WIR» benutzt, obgleich es sehr wohl grosse Unterschiede gibt. Oxfam informiert: die 50 reichsten Milliardäre fliegen viel, im Durchschnitt 184 mal im Jahr, sie verbringen dabei 425 Stunden in der Luft und emittieren so viel Greenhouse Gas wie ein Mensch im globalen Durchschnitt in 300 Jahren. Die Reisen des Dienstpersonals sind da noch nicht eingerechnet. Für die Yacht dürften es sechs bis acht Personen sein.

Ein Buch, das mit dem Gestus der Aufklärung erscheint, sollte meines Erachtens sorgfältig(er) argumentieren.

Die Publikation trägt dem Zeitgeist unserer Tage Rechnung. Es ist unterhaltsam geschrieben und beleuchtet die Angelegenheiten unserer Tage entlang der Defaulteinstellung (ein Begriff, den wir David Foster Wallace verdanken) des Autors. Wallace empfiehlt übrigens, solche Voreinstellungen zu meiden, um unvoreingenommen die Welt sehen zu können, die es zu erklären gilt.

Literatur

Bach, Maurizio. 2023. Klassiker der Soziologie. Baden-Baden: Nomos.

Harari, Yuval Noah. 2024. NEXUS. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz. München: Penguin Verlag.

Marcuse, Ludwig. 1959. Amerikanisches Philosophieren. Hamburg: Rowohlt.

McLuhan, Marshall. 1967. The Medium is the Massage. An Inventory of Effects. New York - London – Toronto: Bantam Book.

Wallace, David Foster. 2012. Das hier ist Wasser. This is Water. Köln: Kiepenheuer und Witsch.

Weber, Max. 1972. Wirtschaft und Gesellschaft. Herausgegeben von J. Winckelmann. Tübingen: Mohr.