Medien als Instrument der Meinungsbildung

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Rezension
Massenmedien
Meinungsbildung

How to Cite

Tully, Claus. 2026. “Medien Als Instrument Der Meinungsbildung”. MediaEducation: Journal for Theory and Practice of Media Education, no. Reviews - Rezensionen (April). https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2026.04.30.X.

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Copyright (c) 2026 Claus Tully

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Abstract

Rezension zu

Dillmann, Renate. 2025. Medien. Macht. Meinung. Köln: PapyRossaVerlag. 17,90 €

https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2026.04.30.X

Medien als Instrument der Meinungsbildung

Die (Massen-)Medien haben die wichtige Aufgabe, die Bevölkerung über politische Programme und kulturelle Entwicklungen zu informieren. Sie sind das Instrument der Meinungsbildung und der Kontrollfunktion. Sie kontrollieren und kritisieren beobachtbare Prozesse politischer, ökonomischer und kultureller Prägung.

Wir leben aber nun in Zeiten, in denen Medien aufgrund der Dynamik und Vielfalt der Prozesse, die parallel ablaufen und uns betreffen, eine entscheidende Rolle spielen. Es ist wichtig, dass wir das verstehen und die Bedeutung dieser Entwicklung anerkennen. Zugleich wächst der Zugriff auf Nachrichten und Informationen. Heute gibt es neben den Qualitäts- und den Massenmedien ein breites Angebot an Social Media-Kanälen. Das Informationsangebot hat sich damit nicht nur vermehrt, sondern auch verändert. Zugleich leben wir in konfliktreichen Zeiten. Es gibt diverse Kriege, viele (sich zum Teil widersprechende) Informationen und Veränderungen kultureller, politischer und ökonomischer Art sind da zwangsläufig die Folge.

In den USA, früher war es ein Hort der freien Meinung, zeigt sich heute, dass dort Sendeplätze mitsamt ihren Akteuren abgesetzt werden können. Renommierte Medienorgane werden mit Strafandrohung – bei denen Riesensummen im Spiel sind – zum Beidrehen gezwungen. Die freie Meinungsäusserung ist in Gefahr.

Worum geht es in dem Buch von Renate Dillmann? Das Buch umfasst insgesamt drei Teile:

Teil I: «Medien und Mechanismen der politischen Berichterstattung»

Teil II: «Medien – eine Analyse» und

Teil III behandelt die Feindbildanalyse. Dafür werden drei Fallbeispiele herangezogen.

Im ersten Teil geht es um wichtige Themen wie Framing, Geister-Subjekte und die Personalisierung von Berichterstattung. Framing dient wie die Schlagzeile dazu, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ist ihre Rolle (ebd., 33). Gerade in Zeiten der grossen Konkurrenz um Aufmerksamkeit kommt dem Framing eine entscheidende Bedeutung zu. Dillmann kritisiert zu Recht die damit fehlende klare Trennung von Kommentaren und Nachricht. Die entsprechenden Zwischenüberschriften im Buch zeigen das auf (ebd., 34 ff.). Sie führt zwei Beispiele an: «Afghanistan: Extremisten greifen Bundeswehr an» und «Proteste – Gefahr für Macron?». Worum ging es in Afghanistan? Die USA haben einen Kriegseinsatz gefordert und deshalb hat auch die Bundeswehr teilgenommen. Militär trifft auf Militär, das ist der Ausgangspunkt der Sache, dass die Bundeswehr auf Gegenwehr trifft, ist der Ausgangspunkt, deshalb wurde ein Militärverband dorthin geschickt. Der Begriff «Extremist» ist eine parteiliche Typisierung, so die Kritik im Buch. Hier haben wir es mit einem einordnenden Wording, mit einem Framing zu tun, das eben nicht Teil des Sachverhalts selbst ist und dem zu berichtenden Sachverhalt vorausgeht. Framing, so die Autorin, erfasst gleichermassen Kultur. Deshalb wählt sie als weiteres Beispiel die Berichterstattung um Michael Jackson. Dillmann führt aus, wie selbstverständlich eine «US-zentrierte Sicht auf unsere Welt» 'durchgereicht' wird. Ein Medien-Star stirbt, ist das deshalb schon für die ganze Welt von grosser Bedeutung? (ebd., 38) Die Relevanz einer Nachricht wird für Medieninteressierte bereits vorab entschieden. Das hat zur Folge, dass andere Themen zwangsläufig in den Hintergrund treten und ausgeblendet werden.

Unter der Zwischenüberschrift «Geister Subjekte» (ebd., 41 ff.) werden folgende Beispiele angeführt: Einmal «die Preise steigen», und der «Niedriglohnsektor in Deutschland ist gewachsen». Die Autorin stellt klar: Preise steigen nicht automatisch, sie werden erhöht. Dafür sind Akteure nötig, die die ihnen zur Verfügung stehenden ökonomischen Spielräume nutzen. Für die Autorin ist die Unterstellung eines Automatismus weder Argument noch Information. Die Expansion des Niedriglohnsektors muss ihrer Auffassung nach sachlich einzuordnen sein. Es genügt nicht, sich «öffentlich dumm» zu stellen. Hier fordert sie mit Nachdruck die Benennung von Akteuren, deren Handeln Veränderungen unterliegt. Diese folgen bestimmten Regeln und führen zu beobachtbaren Konsequenzen. Es ist zwingend erforderlich, sie genauer zu beschreiben und eben nicht nur an der Oberfläche zu verharren.

Im Teil II geht es um die Kontrollfunktion von Medien (ebd., 129 ff.). Die Kontrollfunktion einzufordern, das zeigen aktuelle Beispiele der USA, ist schwierig geworden. Es ist aufwändige journalistische Arbeit. Für die Verhältnisse in Deutschland führt sie an, dass bei Bundespressekonferenzen immer wieder zu beobachten ist, wie Pressesprecher auf Nachfragen der zugelassenen Presse durch «stoische Wiederholung» einer Standardaussage eine sachgerechte Beantwortung umgehen.

Die grossen Aufklärungsaktionen von Julian Assange und Edward Snowden werden angeführt. Beide legten massive Gesetzesverstösse offen, die Autorin bemerkt, dass in beiden Fällen die Unterstützung durch die Kolleg:innen unzureichend war und dass schlichtweg kein westliches Land Snowden aufnehmen wollte (er hatte Spähaktionen u.a. gegen die Berliner Politik publik gemacht).

Im zweiten Teil des Buches geht es um politische und analytische Medienkritik. Bevorzugen Medien die politische und ökonomische Elite des Landes? Aus medientheoretischer Sicht ist die sogenannte Repräsentationslücke (ebd., 43 ff.) von zentraler Bedeutung. Worum es geht: Die Leitmedien behandeln und erklären Themen weitgehend analog als relevant bzw. irrelevant. Dies führt dazu, dass die gleichen Themen mit vergleichbarem Tenor bearbeitet werden. Dillmann stützt sich dabei u.a. auf das Buch von Richard David Precht und Welzer aus dem Jahr 2022.

In diesem Zusammenhang wäre an eine Aussage von Niklas Luhmann (2017, S. 9) zu erinnern: «Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien». Und Luhmann führt aus, dass Medien selbstreferentiell agieren. Das heisst, sie thematisieren und sie beziehen sich bei der Thematisierung von Sachverhalten wiederum auf sich selbst (ebd. 19ff.). Deshalb fokussieren sie Sachverhalte kultureller, politischer und ökonomischer Art in vergleichbarer Weise und mit vergleichbarer Dringlichkeit. Dillmann ist überzeugt: Journalist:innen, die dies wissen, werden Gegenstrategien entwickeln. Es ist definitiv notwendig, sich der Selbstreferentialität bewusst zu werden, um der Analytik mehr Raum zu geben. «Alle drei ‚Akteure‘ Politik, Presse und Publikum zusammen sind die «Öffentlichkeit». Keiner der drei Protagonisten nimmt dabei sachlich ernst, was der jeweils andere sagt, fragt oder tut. In dieser Konstellation geht es keinem um eine anerkannt wahrheitsgemässe Darstellung oder Aufklärung» (ebd., 160).

Im dritten Teil geht es um die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine (ebd., 162 ff.), den Gaza-Krieg (ebd., 176 ff.) und die Konfliktlinien der USA mit China als künftiger politischer Grossmacht. Die im Buch vorgetragene Kritik erinnert an die Bücher von Michael Lüders, wenn es um den Nahen Osten geht. In seinem jüngeren Buch «Moral über alles» kritisiert er, wie auch Dillmann, dass die Entscheidung über die Einordnungen längst getroffen wurde. Dabei geht es in erster Linie um die Leitlinien der Einordnung.

In Grossbritannien wurden die Hamas-Kämpfer früher «Fighters» genannt, während im deutschen Sprachraum die Begriffe ‚militante Islamisten‘, ‚militante Palästinenser‘ oder ‚Terrormiliz‘ Verwendung finden. Möglicherweise ist eine Etikettierung problematisch, auch oder gerade wenn sie mit dem Wording der IDF (Israel Defense Force) aus den Pressemeldungen übereinstimmt. Es handelt sich um eine Kriegspartei und die Pressemeldungen sind notwendig parteilich, die Aufgabe der Presse ist es, über die Lage zu berichten.

Nachdrücklich betont das Buch, Wissen und Information haben mit Interesse(n) zu tun, weshalb es Medien nicht gelingen kann, sich aus den politischen Entwicklungen herauszuhalten. Sie sind der Gegenstand der politischen, kulturellen und ökonomischen Kontroversen unserer Tage.

Die USA sind heute Vorreiter autokratischer Politik, früher wäre auf Russland oder ggf. Ungarn als Trendsetter autokratischer Politik gedeutet worden. Wenn zu vermeiden steht, dass Medien nichts weiter sind als Instrumente von Verlautbarungen, dann heisst es aufmerken. Dies vor Augen, müssen sich die Medienschaffenden mit den Themen des vorliegenden Buches «Medien. Macht. Meinung.» konfrontieren.

In Zeiten des Krieges, dafür stehen im Buch von Dillmann die Ausführungen zur Ukraine und zum Gaza-Krieg, erscheint vieles «hintergründig». Wir leben wohl in neuen Zeiten. Es geht weniger darum, Kriege zu vermeiden (defence), sondern wie die aktuelle Umbenennung des Verteidigungsministeriums zum Ministry of War anzeigt, zu führen. Je näher die Kriege, desto bedrohter ist die freie Berichterstattung, so das Fazit aus dem Buch.

Empfohlen sei dieses Buch für Leute, die an reflektierter Medienpolitik interessiert sind.

References

Dillmann, Renate. 2025. Medien. Macht. Meinung. Köln: PapyRossaVerlag.

Lüders, Michael. 2023. Moral über alles? Warum sich Werte und nationale Interessen selten vertragen. München: Goldmann.

Luhmann, Niklas. 2017. Die Realität der Massenmedien. 5. Auflage 2017, Wiesbaden: Springer.

Precht, Richard David, und Harald Welzer. 2022. Die Vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. Frankfurt/M.: S. Fischer.