Laudatio zu Raphael Fehrmanns Dissertationsschrift ‹Professionelle digitale Kompetenz bei Lehramtsstudierenden fördern! Wie kann Computational Thinking durch den Einsatz von Bildungsrobotik in der Hochschullehre vermittelt werden?›

Schlagworte

Rezension
Computational Thinking
Lehramtsausbildung
Bildungsrobotik
Hochschullehre
Didaktik der Informatik

Zitationsvorschlag

Fromme, Johannes, und Dieter Spanhel. 2026. „Laudatio Zu Raphael Fehrmanns Dissertationsschrift ‹Professionelle Digitale Kompetenz Bei Lehramtsstudierenden fördern! Wie Kann Computational Thinking Durch Den Einsatz Von Bildungsrobotik in Der Hochschullehre Vermittelt werden?›: Dissertationspreis 2025 Der Sektion Medienpädagogik Der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, Nr. Reviews - Rezensionen (Februar). https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2026.02.03.X.

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Copyright (c) 2026 Johannes Fromme, Dieter Spanhel

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https://doi.org/10.21240/mpaed/99/2026.02.03.X

Die Sektion Medienpädagogik der DGfE vergibt seit 2011 in einem zweijährlichen Rhythmus einen Preis für eine herausragende Dissertation, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz erstellt wurde, von hohem wissenschaftlichem Interesse ist, über ein hohes Mass an Originalität verfügt und einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Theorie und/oder Praxis der Medienpädagogik leistet. Die Jury hat nach intensiver Prüfung und Diskussion der dieses Mal eingereichten Vorschläge entschieden, die Arbeit von Herrn Dr. Raphael Fehrmann mit dem Dissertationspreis der Sektion Medienpädagogik auszuzeichnen. Sie trägt den Titel «Professionelle digitale Kompetenz bei Lehramtsstudierenden fördern! Wie kann Computational Thinking durch den Einsatz von Bildungsrobotik in der Hochschullehre vermittelt werden?»

Laudatio

Die Dissertation von Raphael Fehrmann besticht durch ihre Geschlossenheit im Zusammenhang von breiter theoretischer Fundierung, elaborierter empirischer Hypothesenprüfung und einem exzellenten Praxiskonzept für die Ausbildung (wie auch Fortbildung) von Grundschullehrkräften und erfüllt nach unserer Einschätzung am besten die Kriterien der Ausschreibung. Die Arbeit geht aus von der unstrittigen Diagnose, dass digitale Medien (bis hin zu KI-Anwendungen) das tägliche Leben zunehmend durchdringen und dass auch Kinder und Jugendliche etwa in Form von Smart Toys, Smartphones usw. von der Digitalisierung betroffen sind. Da gerade Heranwachsende den Umgang mit digitalen Systemen überwiegend spielerisch erlernten, blieben ihnen die technischen Funktionen und algorithmischen Grundlagen laut Fehrmann zumeist verborgen, so dass weder Gefahren noch Lernpotenziale bewusst wahrgenommen, kritisch reflektiert oder gar aktiv bearbeitet würden. Daraus resultiert für ihn die Anforderung an Schulen, ein «Lernen für die digitale und in der digitalen Welt» zu realisieren und den «Erwerb von digitaler Kompetenz als Element personaler Handlungskompetenz» anzuregen (S. 22. H. i. O.). Internationale Vergleichsstudien zeigten, dass Schulen hierzulande dieser Anforderung bisher kaum gerecht würden. Der Verfasser sieht die erste Phase der Lehramtsausbildung als besten Ansatzpunkt zur Förderung professioneller digitaler Kompetenz der künftigen Lehrkräfte. Allerdings gebe es gerade im deutschsprachigen Raum kaum empirische Studien zu den Fragen, wie es um diese Kompetenz bei Lehramtsstudierenden bestellt sei und wie sie nachhaltig gefördert werden könne. Die Dissertation verfolgt vor diesem Hintergrund im Rahmen einer komplex angelegten empirischen Studie drei Fragestellungen: 1. Wie schätzen Lehramtsstudierende ihre professionelle digitale Kompetenz ein? 2. In welcher Weise verändern sich diese Kompetenzeinschätzungen nach der Teilnahme an einem (eigens konzipierten und realisierten) Hochschulseminar? 3. Welche der im Seminar implementierten didaktisch-methodischen Massnahmen werden «von den Studierenden als förderlich für ihre Kompetenzentwicklung identifiziert?» (S. 24). Im theoretischen Teil der Dissertation setzt sich Fehrmann zunächst allgemein mit dem Begriff der digitalen Kompetenz und den vorliegenden Definitionen, Modellen und Begründungsfiguren auseinander, um sich dann der Ausdifferenzierung digitaler Kompetenz von Schülerinnen und Schülern (in wissenschaftlichen wie auch curricularen Ansätzen) sowie der Konzeptualisierung professioneller digitaler Kompetenz von Lehrkräften zuzuwenden. Fehrmann plädiert dafür, ergänzend das Konzept der Selbstwirksamkeitsüberzeugungen zu berücksichtigen, das sich als bedeutsam für den Kompetenzerwerb erwiesen habe. Der Forschungs- und Diskussionsstand wird unter besonderer Berücksichtigung einschlägiger internationaler Publikationen breit und kenntnisreich rezipiert. Die eigene Positionierung des Verfassers wird schnell deutlich und konsistent durchgehalten: Er orientiert sich an der von der European Commission 2012 publizierten Definition digitaler Kompetenz von Anusca Ferrari und begründet im Anschluss an Yadav, Eickelmann u. a. die These, dass Computational Thinking ein wichtiges Element digitaler Kompetenz bzw. sogar eine Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert sei. Vor dem Hintergrund der leitenden Annahme, dass Computational Thinking Wissen um die Existenz und Wirkung von Algorithmen voraussetzt, ist sehr gut nachvollziehbar, dass sich Fehrmann thematisch und methodisch-didaktisch auf das Feld der Bildungsrobotik in Schulen fokussiert. Er beschreibt Merkmale von drei Lernrobotern und lotet an Hand vorliegender Evaluationsstudien kritisch ihre Einsatzmöglichkeiten im Grundschulunterricht aus. Mit ihrer Hilfe – so das Ergebnis der Forschungslage – könnten Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern einen altersgemässen Zugang zu Algorithmen und zum Computational Thinking eröffnen und ihre Problemlösefähigkeit fördern. Daraus leitet Fehrmann die Notwendigkeit ab, dass Computational Thinking «explizit in der Lehrkräfteausbildung thematisiert und praktisch erfahren werden muss, um in die Unterrichtspraxis implementiert werden zu können» (S. 128). Das ist der Anknüpfungspunkt für den herausragenden empirischen Teil der Dissertation. Er greift zunächst die zuvor genannten drei Forschungsfragen auf und formuliert vor dem Hintergrund des wissenschaftlichen Diskussionsstandes zu jeder Frage Hypothesen, die in der eigenen Untersuchung geprüft werden sollen. Bevor das anspruchsvolle Forschungsdesign dargestellt wird, entwickelt Fehrmann ein ausgefeiltes didaktisch-methodisches Konzept für ein Hochschulseminar, das in der Untersuchung als «Intervention» fungiert und trotz der Covid-19-Pandemie erfolgreich (allerdings online statt in Präsenzform) durchgeführt werden konnte. Es handelt sich für sich genommen um ein sowohl theoretisch sehr gut fundiertes als auch auf eigenen Lehrerfahrungen beruhendes konzeptionelles Unterkapitel mit vielen Anregungen für die methodisch-didaktische Gestaltung von projektorientierten Lehrveranstaltungen innerhalb bestehender Curricula der Lehramtsausbildung. Das beeindruckende quasi-experimentelle Prä-Post-Untersuchungsdesign ist ausreichend komplex angelegt, um die Überprüfung der Forschungsfragen zu ermöglichen. Forschungsmethodisch greift Fehrmann auf den Einsatz eines selbst entwickelten standardisierten Fragebogens zurück, um zu zwei Messzeitpunkten Selbstauskünfte der Studierenden zu den Teilaspekten der drei Forschungsfragen zu erheben. Die Komplexität und Aussagekraft der Studie werden dadurch erhöht, dass nicht nur Teilnehmende des Interventionsseminars (N=155), sondern auch Nichtteilnehmende als Kontrollgruppe (N=140) befragt werden. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Studierenden zu Semesterbeginn ihre professionelle digitale Kompetenz eher gering einschätzen, insbesondere beim Thema Algorithmen und Lernroboter. Anders als bei der Kontrollgruppe zeigen sich bei der Interventionsgruppe in der Post-Befragung in allen Bereichen signifikante Verbesserungen, insbesondere auch im Bereich der Selbstwirksamkeitserwartungen. Ein Grossteil der Hypothesen wird durch die Studie bestätigt. Damit gelingt Fehrmann der Nachweis, dass es durch sorgfältig konzipierte Lehrveranstaltungen gelingen kann, die professionelle digitale Kompetenz und die Selbstwirksamkeitserwartungen der Studierenden in diesem Feld zu steigern. Die Dissertation ist im Überschneidungsbereich von Medienpädagogik und Mediendidaktik zu verorten, da es sowohl um das Lernen über (digitale) Medien als auch um das Lernen mit (digitalen) Medien geht. Die Arbeit zeichnet sich durch klare begriffliche Grundlagen und eine hohe Stringenz der Argumentation aus. Sie beeindruckt durch eine Reihe origineller Aspekte, so die Aufarbeitung relevanter internationaler Diskurslinien und das innovative und anregende Seminarkonzept, zu dem auch die studentische Erstellung von differenzierten Unterrichtsmodellen gehört. Diese wurden als Open Educational Resources veröffentlicht und leisten somit zusätzlich einen relevanten (und offenbar bereits stark nachgefragten) Beitrag zum Wissenstransfer. Das Seminarkonzept liefert ein wichtiges Modell dafür, wie die Förderung medienpädagogischer Kompetenz von Lehramtsstudierenden in die pädagogisch-didaktische Ausbildung integriert werden könnte. Die Fokussierung auf das Thema Lernroboter ist für die Medienpädagogik ungewöhnlich, aber für den Überschneidungsbereich von Medienpädagogik und Informatik von exemplarischer Bedeutung. Das Untersuchungsdesign ist insgesamt für eine Dissertation sehr elaboriert, und der Verfasser geht mit den Instrumenten der empirischen Sozialforschung einschliesslich entsprechender statistischer Auswertungsverfahren sehr reflektiert und kompetent um. Zur Frage der stärkeren Verankerung der Medienpädagogik (hier mit Fokus auf digitale Medien) in der Schule und in der ersten Phase der Lehramtsausbildung leistet Fehrmann einen – für den gegenwärtigen Entwicklungsstand – ausserordentlich wichtigen Beitrag, auch wenn er sich analytisch wie konzeptionell auf die Mikroebene der möglichen Gestaltung von Lehrveranstaltungen beschränkt. Daher erfüllt Herr Dr. Fehrmann mit seiner Dissertation in hervorragender Weise die Kriterien des Dissertationspreises.

Literatur

Beblavy, Miroslav, Sara Baiocco, Zachary Kilhoffer, Mehtap Akgüç, und Manon Jacquot. 2019. Index of readiness for digital lifelong learning – Changing How Europeans Upgrade Their Skills. https://www.ceps.eu/download/publication/?id=25419&pdf=Index-of-Readiness-for-Digital-Lifelong-Learning.pdf.

Drossel, Kerstin, Birgit Eickelmann, Heike Schaumburg, und Labusch, Amelie. 2019. Nutzung digitaler Medien und Prädiktoren aus der Perspektive der Lehrerinnen und Lehrer im internationalen Vergleich. In ICILS 2018 #Deutschland. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking, herausgegeben von Birgit Eickelmann, Wilfried Bos, Julia Gerick, Frank Goldhammer, Heike Schaumburg, Knut Schwippert, Martin Senkbeil und Jan Vahrenhold, S. 205–240. Münster und New York: Waxmann. https://doi.org/10.25656/01:18166.

Eickelmann, Birgit, Jan Vahrenhold, und Amelie Labusch (2019). Der Kompetenzbereich "Computational Thinking" – Erste Ergebnisse des Zusatzmoduls für Deutschland im internatio-nalen Vergleich. In ICILS 2018 #Deutschland - Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking, herausgegeben von Birgit Eickelmann, Wilfried Bos, Julia Gerick, Frank Goldhammer, Heike Schaumburg, Knut Schwippert, Martin Senkbeil und Jan Vahrenhold. Münster und New York: Waxmann.

Fehrmann, Raphael. 2024. Professionelle Digitale Kompetenz Bei Lehramtsstudierenden Fördern! Wie kann Computational Thinking durch den Einsatz von Bildungsrobotik in der Hochschullehre vermittelt werden? https://doi.org/10.17879/37908713757.

Ferrari, Anusca. 2012. Digital Competence in Practice – An Analysis of Frameworks. Publi-cations Office. https://data.europa.eu/doi/10.2791/82116.

Yadav, Aman, Sarah Gretter, Jon Good, und Tamika McLean. 2017. Computational thinking in teacher education. In Emerging research, practice, and policy on computational thinking, herausgegeben von Peter J. Rich und Charles B. Hodges, S. 205–220. Cham: Springer.